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Solidarische Ökonomie

Geschrieben von Dorothea Engelmann am .

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Der vorliegende Text ist Teil der Diplomarbeit "Welches Potenzial haben Formen solidarischer Ökonomie zur Bewältigung von Armut und Ausgrenzung und welchen Einfluss können sie auf die Gemeinwesenentwicklung nehmen? (Betrachtung am Beispiel der Stadtteilgenossenschaft)" an der Katholischen Fachhochschule Freiburg (eingereicht am 31.12.2009)


1 Unterschiedliche Bezeichnungen für ein alternatives Wirtschaften

Während im internationalen Raum bereits seit einiger Zeit Alternativen zu derzeit aktuellen ökonomischen Theorien des globalisierten Kapitalismus diskutiert werden, entwickelte sich im deutschsprachigen Raum erst in den 1990er Jahren eine tiefgreifendere Debatte. Es geht um die Frage nach Existenzsicherung und Bedürfnisbefriedigung von Menschen, die im kapitalistischen System „überflüssig" geworden sind sowie um die Zukunftsperspektive von Gemeinwesen und Regionen, die im Standortwettbewerb nach wirtschaftlichen Kriterien durchfallen. Die erarbeiteten Alternativen differieren in ihrem Verständnis und normativen Akzentuierungen und weisen eine Begriffs-Vielfalt auf, die es hier zu klären gilt. Gemeinsam haben es diese alternativen Wirtschaftsformen zum Ziel, „von den alltäglichen Anforderungen der Lebensbewältigung und den sozialen Problemen ausgehend mit wirtschaftlichen Mitteln einen sozialen, kulturellen und ökonomischen Entwicklungsprozess in Gang zu setzen, der sich am Bedarf des Gemeinwesens und an den Bedürfnissen der Menschen ausrichtet. Bei der „Wirtschaft von unten" [...] geht es unter Ausnutzung der lokalen Ressourcen um den Aufbau neuer reproduktionssichernder Kreisläufe."(Sahle/Scurrell: 8f.) Hierbei soll es um eine Rückbesinnung auf das Ursprüngliche des Wortes „oikos" (für das „ganze Haus") gehen, um eine Ökonomie, die personalisiert, remoralisiert und repolitisiert. Die Lebensbereiche und Teilsektoren sollen den Kapital- und Wachstumszwängen entzogen werden, indem sie bedarfswirtschaftlich organisiert sind. Das alternative Ökonomieverständnis ist im Sinne Max Webers wieder umfassender und geht auf alle Formen der Produktion und Reproduktion menschlicher Lebensbedingungen ein, „einschließlich der Eigenarbeit und Hausarbeit, also sowohl sichtbare wie unsichtbare Ökonomie." (Vgl. Klöck: 13)

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Abbildung 8:
Veranschaulichung der Verortung der Lokalen Ökonomie (Vgl. Birkhölzer, 2000: 18)

Lokale Ökonomie

Der Begriff der Lokalen Ökonomie stammt aus der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre und befasst sich mit dem Ort als Wirtschaftseinheit. Lokale Ökonomie bezeichnet zunächst nur eine territoriale Zuordnung, die für alle Wirtschaftsbereiche gilt (Abb. 8): von der Privatwirtschaft, dem öffentlichen Bereich, über Non-Profit-Unternehmen und informelle Ökonomien (Klöck: 15). Die Lokale Ökonomie befasst sich mit der eigenen Dynamik lokaler Wirtschaftsstrukturen und ökonomischer Aktivitäten innerhalb eines überschaubaren Raumes. Grundlage der Lokalen Ökonomie ist das Milieukonzept, welches davon ausgeht, dass Wirtschaftsräume nicht beliebige Standorte sind, sondern spezifische wirtschaftskulturelle Milieus darstellen (Vgl. Elsen, 2004a). Außerdem wir ein Ort oder eine Region als Lebensmittelpunkt einer bestimmten Bevölkerung betrachtet (soziale Dimension), die natürliche Umgebung wird wahrgenommen (ökologische Dimension), ebenso wird die Tradition und Geschichte eines Ortes berücksichtigt (kulturelle Dimension). Der Blick wird auf die spezifischen endogenen Potenziale einer Region gerichtet, die nicht in den einzelnen Faktoren zu suchen sind, sondern in ihrer spezifischen Kombination (Synergie) (Vgl. Birkhölzer, 2000: 15f.).

Economie Sociale

Der Begriff der Economie Sociale hat französischen Ursprung. Das Statistische Amt der Europäischen Gemeinschaft verwendet in einer Studie (1993) folgende Definition: „Der Terminus Economie Sociale steht für die Gesamtheit der relevanten, komplexen und verschiedenartigen wirtschaftlichen Tätigkeiten, die weder unter den herkömmlichen privaten noch unter den öffentlichen Bereich im strengen Sinne fallen."1) Ihr Kern sind die wirtschaftlichen Aktivitäten von Genossenschaften, Gegenseitigkeitsgesellschaften (mutuelités) und gemeinnützigen Vereinen in einem dritten Sektor neben Staat und Markt. Der Begriff der Economie Social wird insbesondere in der europäischen Diskussion gebraucht, weniger in der deutschsprachigen. Die „Charta der Economie Sociale" von 1982 definiert sie als sozialökonomische Reformbewegung, die in diesem Sinne auch über jede deutsche Auffassung hinaus geht: „[...] zwischen zügellosem Kapitalismus und bürokratischem Sozialismus, mit dem Ziel, Antworten auf die wirtschaftlichen Fragen der modernen Menschen zu finden, für die weder die herkömmlichen kommerziellen Unternehmen noch der Staat Lösungen bieten." (Zitiert aus Elsen, 2004a)

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Abbildung 9:
Entwicklungsperspektiven im Dritten Sektor (Vgl. Birkhölzer, 2000: 20)

Soziale Ökonomie

Die Soziale Ökonomie ist als Teil der Lokalen Ökonomie zu verstehen, die häufig mit dem „Dritten Sektor" als nicht staatlicher Non-Profitbereich gleichgesetzt wird. Die Soziale Ökonomie verfolgt eine eigene Logik wirtschaftlichen Handelns mit sozialer Zielsetzung und dient nicht der Fehlerbehebung von Markt und Staat. Sie ist geprägt von den Handlungsprinzipien Freiwilligkeit, Solidarität, Kooperation, demokratischer Organisation, Assoziation, Selbstorganisation und Gemeinwohlorientierung. Der Sektor wurzelt in der Zivilgesellschaft und erzeugt dadurch neue Möglichkeitsstrukturen, um Potenziale und Wirkung von bürgerschaftlichem Engagements für eigene und gemeinsame Bedürfnisse zu nutzen. Die Soziale Ökonomie unterscheidet sich von der profitorientierten gewinnmaximierenden Wirtschaft nicht durch die Gewinnerzeugung, sondern durch die Gewinnverwendung (Vgl. Elsen, 2004a). Zur Sozialen Ökonomie gehören Soziale Betriebe ebenso wie Bereiche der sogenannten „Schattenwirtschaft" (Abb. 9) wie informelle Initiativen, Selbsthilfegruppen, Nachbarschaftshilfen, Tauschringe, Familienökonomie oder auch Formen illegaler und krimineller Ökonomie (Vgl. Birkhölzer, 2000: 16).

Solidarische Ökonomie

Die Solidarische Ökonomie steht insbesondere für kooperative ökonomische Selbsthilfe und Selbstverwaltung, beispielsweise in Produktiv-, Sozial- oder Solidargenossenschaften. Das Steuermedium Solidarität steht gegen die Dominanz der Gewinn- und Konkurrenzprinzipien als alleinige Steuerungsmodi ökonomischen Handelns. Solidarökonomie beruht auf Sozialkapital und erzeugt Sozialkapital durch Kooperation und solidarische Bewirtschaftung von Ressourcen. In Deutschland haben solidarökonomische Initiativen neben der Genossenschaftsbewegung und den neuen sozialen Bewegungen der 1970er Jahre keine weitreichende Tradition, einige wenige stehen jedoch „ohne politische Akzeptanz schutzlos im Gegenwind."(Vgl. Elsen, 2004a) Die Solidarische Ökonomie ist durch ihren Doppelcharakter geprägt, indem sie einerseits an die herrschende Wirtschaftsstruktur gebunden ist, andererseits darüber hinaus weist. Der Solidarökonomie geht es um die Demokratisierung von Wirtschaftsstrukturen zur Verwirklichung von Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung der Menschen und deren Verfügungsrechte über die erforderlichen Produktionsmittel. Sie steht ein für den Abbau von Entfremdung und Selbstausbeutung und beabsichtigt „modellhafte Arbeitszusammenhänge und Produktionsverhältnisse innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu entwickeln, die sich in den Bedürfnissen der Menschen orientieren und in sozialverträglicher Weise Gebrauchswerte für sie schaffen, nicht nur Tauschwerte produzieren." (Klöck, 16)

Gemeinwesenökonomie

Die Gemeinwesenökonomie ist ein normatives und handlungsorientiertes Programm und weist eine enge Bindung an die Begriffe Moral- und Humanökonomie und Solidarische Ökonomie. Elsen versteht Gemeinwesenökonomie als erweiterter solidarischer Handlungsansatz, der über eine Mitgliederbezogenheit hinaus geht und einen sozialintegrativen Anspruch erhebt. Gemeinwesenökonomie ist ein sozial eingebundenes Wirtschaften im lokalen Kontext und orientiert sich an der Bedarfsdeckung, Existenzsicherung und gesellschaftlichen Integration der örtlichen Bevölkerung. In Anlehnung an Klaus Novy spricht auch Elsen von einer sukzessiven Aneignung von Teilsektoren und Lebensbereichen, um sie bedarfswirtschaftlich bzw. genossenschaftlich zu organisieren. Damit wendet sich die Gemeinwesenökonomie gegen die Zerstörung der sozialen, ökologischen und ökonomischen Grundlagen eines Gemeinwesens und steht für die Einlösung von Partizipation, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit. Sie impliziert den Abschied vom Wachstumsglauben und eine Hinwendung zu einer qualitativen Gestaltung der Wachstumsrücknahme (Vgl. Elsen, 2004a). Es kann schließlich festgestellt werden, dass die Arbeitsfelder von Lokaler Ökonomie, Sozialer Ökonomie und Gemeinwesenökonomie Überschneidungen aufweisen, woraufhin Birkhölzer (2000: 17) zu der Schlussfolgerung kommt, dass Gemeinwesenökonomie überall dort entsteht, wo Elemente lokaler und sozialer Ökonomie zusammenkommen (Abb. 9). In Birkhözers Schema ist jedoch die Solidarische Ökonomie außen vor und wird eher als kleiner Teilbereich der Gemeinwesenökonomie betrachtet. Es wird deutlich, dass es keine einheitlichen Begriffsdefinitionen gibt. In dieser Arbeit soll sich allerdings an den Begriffsverständnissen von Susanne Elsen orientiert werden.


2 Der Dritte Sektor – Bedeutung und Grenzen

2.1 Definitionen und Abgrenzungen

Der Dritte Sektor genießt seit einigen Jahren eine erhöhte Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und Politik. Vielfältigste Erwartungen von Beschäftigungsmotor über Integration sozial Benachteiligter werden an ihn geknüpft. Dennoch bezeichnet Birkhölzer das Thema Dritter Sektor 2004 als weitgehendes wissenschaftliches Neuland und „terra incognita". Die Begriffe von Dritter Sektor, Drittes System, Soziale und Solidarische Ökonomie etc. sind schwer voneinander zu trennen, was nach Birkhölzer nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass diese „Konzepte in der Regel nicht am Schreibtisch entstanden sind, sondern in der Praxis von sozialen Bewegungen [...]".(Birkhölzer, 2006) Innerhalb einer Bestandsaufnahme des Dritten Sektors im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung stellen Birkhölzer, Kistler und Mutz den wirtschaftlich handelnden Teil des Dritten Sektors in den Vordergrund und grenzen ihn vom Ersten Sektor, der privaten und gewinnorientierten Wirtschaft und dem Zweiten Sektor, der staatlich bzw. öffentlich verfassten Wirtschaft, durch folgende Kriterien ab (Birkhölzer, 2004: 12):

  • es handelt sich um privatrechtlich verfasste Wirtschaftsunternehmen zur Realisierung sozialer und/oder gemeinwesenbezogener Zielsetzungen
  • sie entstehen aus Formen der Selbstorganisation bzw. Selbsthilfe von Bürgern, die sich von Risiken in der sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Situation und/oder Mängeln in der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen betroffen fühlen
  • ihr wirtschaftliches Handeln ist den sozialen und/oder gemeinwesenbezogenen Zwecken untergeordnet (oder zumindest gleichgestellt) und folgt dem Prinzip des „not-for-private- profit-distributing"
  • das unternehmerische Handeln geht von einer gemeinschaftlichen, kollektiven oder kooperativen Basis aus

Der Dritte Sektor ist durch eine kooperative Organisationsform geprägt und verfolgt vorrangig soziale und gemeinwesenbezogene Zielsetzungen durch die Förderung bürgerschaftlich unternehmerisches Engagement. Erzielte Gewinne werden im Dritten Sektor gemeinwirtschaftlich verwendet (ebd.). Die Geschichte der Non-Profit-Organisationen hat nach Priller/Zimmer (2001: 14f.) zu drei prägenden Grundprinzipien des Dritten Sektors geführt: Selbstverwaltung, Subsidiarität und Gemeinwirtschaft.

2.2 Charakteristik Sozialer Unternehmen

Soziale Unternehmungen entstehen als Ergebnis zivilgesellschaftlichen und solidarischen Engagements von Bürgern aufgrund von als unannehmbar empfundenen Mängeln in der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen. Um regionale Ungleichgewichtungen auszugleichen, sind Soziale Unternehmen überwiegend ortsgebunden und in ihrer Zielsetzung und Angebot auf lokale und regionale Märkte gerichtet. Dies bringt vor allem zwei Herausforderungen mit sich. Die Nachfrageseite ist geprägt von einer mangelnden Kaufkraft, während bei den betroffenen Gruppen bzw. Gebieten auf der Angebotsseite der Mangel an Eigenkapital bzw. der Zugang zu Ressourcen erschwert ist. Aufgrund dessen sind betriebswirtschaftliche Kenntnisse und eigenständige Strategien von Nöten.

Soziale Unternehmen sind in hohem Maße von Engagement und Motivation ihrer MitarbeiterInnen abhängig, was eine starke innerbetriebliche Demokratie verlangt. Dabei geht es um Beteiligungen der MitarbeiterInnen an wirtschaftlichen Entscheidungen bestenfalls bereits im Gründungsprozess. Hier steht nicht der einzelne „social entrepreneur" im Vordergrund, sondern ein gemeinschaftlicher und kollektiver Gründungsprozess, „social entrepreneurship". Birkhölzer (Birkhölzer, 2006: 9) betont an dieser Stelle, dass das Genossenschaftsprinzip nicht an die Rechtsform der Genossenschaft gebunden sein muss, das Solidarprinzip kann auch in anderen Rechtsformen verankert werden (Partizipatives Management).

Das Soziale Kapital ist Quelle und Ergebnis eines „erfolgreichen" Sozialen Unternehmens. Dabei spielt der Indikator des Vertrauens eine besonders große Rolle. Verschiedene Fallstudien beweisen, dass Soziales Kapital produktiv verwertet und eingesetzt werden kann. Es ist sogar in der Lage, teilweise den Mangel an physischem und Finanzkapital zu kompensieren (nachholende Akkumulation).

Soziale Unternehmen beruhen auf einer gemeinschaftlichen Organisationsform, die neben den MitarbeiterInnen auch andere lokale Akteure bzw. Stakeholder einbezieht. Sie richten sich in der Regel mit ihren Produkten und Dienstleistungen an einen „Personenkreis, dessen (unversorgte) Bedürfnisse den Akteuren wohl bekannt sind, weil sie selbst oder ihre Angehörigen bzw. Mitstreiter zu den gleichen Personenkreisen gehören."(Birkhölzer, 2006: 9) Es kann durchaus vorkommen, dass Leistungen für „Dritte" getätigt werden, um die primären Leistungen zu unterstützen und mitzufinanzieren. In manchen Fällen sind Produzenten und Konsumenten identisch, in anderen Fällen gibt es nicht-produzierende Nutznießer und nicht-konsumierende Produzenten. Es wird deutlich, dass es sich hierbei um „Multi-Stakeholder-Unternehmen" handelt, deren Austauschbeziehungen sich nicht mehr einfach durch Produktion und Konsum beschreiben lassen. Die Beteiligten nehmen vielfältige Rollen ein, deren Beziehungen untereinander nicht durch marktförmige Austauschbeziehungen geregelt sind. Soziales Marketing kann ebenso wie Soziales Kapital zum Ausgleich wirtschaftlicher Benachteiligungen eingesetzt werden, wobei die lokale Verankerung wesentlich ist.

Soziale Unternehmen sind „not-for-private-profit-Organisationen", deren Hauptmerkmal nicht darauf beruht gemeinnützig zu sein und keinen Gewinn zu erwirtschaften. Vielmehr geht es um die Gewinnverwendung. „Im Vordergrund sozialwirtschaftlichen Handelns steht folglich nicht die Rentabilität des eingesetzten Kapitals, sondern eine effiziente Kostendeckung der angestrebten sozialen und/oder gemeinwesenbezogenen Zielsetzungen."(ebd.) Die finanzielle Absicherung und Kostendeckung Sozialer Unternehmen beruht auf die spezifische Strategie der Mischfinanzierung durch Einnahmen aus wirtschaftlicher Tätigkeit am Markt, Einnahmen aus öffentlichen Mitteln und Zuwendungen in Arbeitszeit und/oder Geld durch Dritte. Der Erfolg ergibt sich dabei scheinbar aus einem ausgewogenen Verhältnis verschiedener Einkommensarten, wodurch einseitige Abhängigkeiten vermieden werden. Birkhölzer beklagt allerdings eine Reformbedürftigkeit der öffentlichen Finanzierung. Diese dürfe nicht alleinig aus Subventionen oder Zuwendungen bestehen, sondern es bedarf vielmehr modernisierte Leistungsverträge und eine Form der Auftragsvergabe, welche die spezifische Form der „Gemeinnützigkeit" Sozialer Unternehmen angemessen berücksichtigt (Birkhölzer, 2006: 10). Als unverzichtbare Ressource Sozialer Unternehmen muss freiwillige unbezahlte Arbeit betrachtet werden. Zum einen aus wirtschaftlichen Gründen, aber darüber hinaus auch als Verbindung zwischen den Unternehmen und Gemeinwesen. Dennoch ist das klassische Ehrenamt keine ernsthafte oder zumutbare Alternative zur Erwerbsarbeit, vielmehr geht es in den Sozialen Unternehmen darum, durch Investition von freiwilliger und unbezahlter Arbeit einen existenzsichernden und sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz erarbeiten zu können (ebd.).

2.3 Entwicklungslinien des Dritten Sektors

Die Entstehung der Sozialen Ökonomie ist eng mit der Entwicklung sozialer Bewegungen verbunden, die in der Vergangenheit verschiedene Formen von Sozialen Unternehmungen hervorbrachte. Birkhölzer unterscheidet zwischen einer älteren (Genossenschaften, Wohlfahrtsorganisationen, Stiftungen und ideelle Vereinigungen) und einer jüngeren sozialwirtschaftlichen Bewegung seit den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Zu letzterer zählt er u.a. Integrationsunternehmen benachteiligter Gruppen, Freiwilligendienste und -agenturen, Unternehmungen der Alternativ-, Frauen- und Umweltbewegung, Unternehmen der Selbsthilfebewegung und Nachbarschafts und Gemeinwesenökonomieinitiativen. Als Motive für diese Neugründungen Sozialer Unternehmungen werden eine praktizierende Gesellschaftskritik, ein Bewältigungsversuch der Massenarbeitslosigkeit und eine mögliche Einflussnahme auf die lokale Entwicklung betrachtet (Vgl. Birkhölzer, 2006).

In diesem Sinne ergibt sich die wesentliche Frage nach der ökonomischen, arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitischen Bedeutung des Dritten Sektors und ob dieser den implizierten Hoffnungen gerecht werden kann.

2.3.1 Der Dritte Sektor als Wirtschaftskraft?

Der wirtschaftliche Stellenwert des Dritten Sektors ist größer als lange angenommen wurde. Das „John Hopkins Comparative Nonprofit Sector Project" hat die weltweite Bedeutung des Dritten Sektors empirisch aus Zahlen belegt, die Mitte der 90er Jahre ermittelt wurden. Leider gibt es kaum aktuelle Erhebungen. Im Jahr 1995 hatte der Non-Profitbereich einen Anteil von 3,9 Prozent am BIP Deutschlands. Mit knappen fünf Prozent nahm de Dritter Sektor Teil an der Gesamtbeschäftigung, was gleichbedeutend für 2,1 Millionen beschäftigte Personen und 1,44 Millionen Vollzeitarbeitsplätze steht. Unter Berücksichtigung der in den Organisationen verankerten ehrenamtlichen und freiwillig geleisteten Tätigkeiten, die in der Regel bei volkswirtschaftlichen Betrachtungen unberücksichtigt bleiben, wird der wirtschaftliche Stellenwert des Sektors zudem noch größer (Priller/Zimmer, 2001: 15ff). Gegenüber eines stagnierenden Beschäftigungsniveaus des privaten Erwerbssektors weist der Dritte Sektor beachtliche Steigerungsraten auf, wenn auch in absoluten Zahl auf geringem Niveau. Zur strukturellen Besonderheit von NPOs gehört der geringere Rationalisierungsdruck, da sie im Gegensatz zu privatkapitalistischen Unternehmen, trotz eindeutiger Tendenzen zu einer Effizienzorientierung und Kommerzialisierung, nicht im selben Maße profitorientiert arbeiten müssen. Finanziert werden die Organisationen des Dritten Sektors aus Beiträgen und selbsterwirtschafteten Mitteln (32,3%), Spenden (3,4%), staatlicher Förderung, Sozialversicherungsleistungen und auch Freiwilligenarbeit (gesamt 64,3%)(ebd.).

2.3.2 Der Dritte Sektor als Jobmotor?

Die deutsche CIREC-Studie2) fand für das Jahr 1997 heraus, dass der Dritte Sektor bereits 1,86 Millionen Vollzeitarbeitsplätze bzw. 6,5 Prozent der Beschäftigten stellte. Durch den IAB-Betriebspanel3) konnte zwischen 1999 und 2000 ein Beschäftigungszuwachs von 4% festgestellt werden, wozu vor allem die Bereiche Gesundheit, Sport, Soziales und Kultur beigetragen haben (Birkhölzer, 2004: 16). Neben dem realen Beschäftigungszuwachs ist der Dritte Sektor quasi Hauptträger der aktiven Arbeitsmarktpolitik (bspw. durch die starke Verortung von Ein-Euro-Jobs). Den allgemeinen Zuwachs an Arbeitsplätzen im Nonprofit-Sektor erklären Zimmer/Priller (2004: 58ff) mit der Ausweitung des Bedarfs an Dienstleistungen wie z.B. Betreuungs- und Pflegeangeboten.

Der Dritte Sektor weist mit 25% einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Teilzeitbeschäftigten im Vergleich zur Gesamtwirtschaft auf (11%). Die Teilzeitarbeit und geringfügige Beschäftigung ist auch hier eine typisch weibliche Domäne. Im Dritten Sektor macht sich ein Trend zur „Verberuflichung" bemerkbar, da circa 70% der befragten Organisationen4) als Arbeitgeber tätig sind, darunter zählen insbesondere die Bereiche Bildung, Internationale Aktivitäten und Wohnungswesen (Wagner: 38ff). Dennoch weist der Dritte Sektor zwei- bis dreimal so viele ehrenamtliche und freiwillige Mitarbeiter auf, deren Arbeit in der Wertschöpfungskette keine Berücksichtigung findet (Zimmer/Priller (2004): 58ff).

2.3.3 Der Dritte Sektor als Hoffnungsträger für die Integration Benachteiligter?

Die Soziale Ökonomie bzw. der Dritte Sektor ist zu einem Hoffnungsträger geworden als Instrument der Integration sozial ausgegrenzter und benachteiligter Personen, der Schaffung neuer und zusätzlicher Arbeitsplätze sowie für die Mobilisierung bürgerschaftlichen Engagements durch Partizipation und Empowerment. Will die Soziale Ökonomie diesen Ansprüchen gerecht werden, müssen Bedingungen zur Integration benachteiligter Menschen erfüllt sein. Die Integration erfolgt nicht in vorübergehende Arbeitsgelegenheiten, sondern in existenzsichernde und zukunftsfähige (Erwerbs-)Arbeit. Dabei spielt die Qualität der Arbeit eine wichtige Rolle, sie soll Nutzen stiften und für die Befriedigung unversorgter Bedürfnisse im lokalen Umfeld bieten, was mit einem Nachhaltigkeitsanspruch von Arbeit und einer neuen Bewertung von Arbeit einhergeht. Für eine aktive Teilhabe bedarf es einer Mobilisation von Eigenmotivation, Eigenverantwortung und Selbstorganisation, damit eine ökonomische Nachhaltigkeit sozialer Initiativen gewährleistet werden kann. Die Fähigkeit zur ökonomischen Selbsthilfe muss erlernt werden und bedarf einer systematischen Förderung und Unterstützung (Empowerment). Dafür ist die Gestaltung von Lernräumen und Möglichkeitsräumen erforderlich (Vgl. Birkhölzer, 2006).

Der bisherige Blick auf die Beschäftigungsstruktur lässt bereits auf das Integrationspotenzial der Sozialen Unternehmungen von gesellschaftliche bzw. am Arbeitsmarkt Benachteiligten schließen. Soziale Unternehmungen weisen folgende Kriterien auf (Birkhölzer, 2004: 17; ebenso Abb. 10):

  • ein überdurchschnittlich hoher Anteil von Frauen (72% im Vergleich zu 43% im Durchschnitt aller Bereiche)
  • eine größere Erfahrung in der Beschäftigung mit älteren Mitarbeitern (52% statt 42% Gesamtdurchschnitt)
  • erheblich mehr Angebote für Teilzeitbeschäftigung, nicht nur für Frauen (40% statt 20% im Durchschnitt)
  • ein überdurchschnittlich hoher Anteil (55%) an weiterbildungsfördernden Unternehmungen

2.2.4 Grenzen des Dritten Sektors als „arbeitsmarktpolitisches Experimentierfeld"

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Abbildung 10: Beschäftigungsanteile im Dritten Sektor – Frauen, Teilzeit, befristete Beschäftigte, Mini- und Ein-Euro Jobber– nach Bereichen; Die Bezugsgröße für die Anteile Frauen, Teilzeitbeschäftigte, Befristungen und Minijobs sind sozialversicherungspflichtig Beschäftigte; die Bezugsgröße für Ein-Euro-Jobs sind die Erwerbstätigen insgesamt. Datenbasis: IAB Betriebspanel 1996–2008; hochgerechnete Werte (in Prozent) (Vgl. Dathe/Priller/Hohendanner (WZBrief Arbeit, 10/09)

Untersuchung aus dem Jahr 2009 von Dathe/Priller/Hohendanner (WZBrief Arbeit, 10/09) ergaben, dass der Dritte Sektor heute zwar keine nennenswerte Zahl an neuen Arbeitsplätzen mehr schaffe, aber auch nicht durch Arbeitsplatzverluste geprägt ist. Allerdings bestehe die Gefahr einer Transformation des Dritten Sektors in einen Niedriglohnsektor (Abb. 10). Nicht auszuschließen ist, dass Ein-Euro-Jobs das freiwillige Engagement oder die reguläre Beschäftigung negativ beeinflussen und sich die Qualität der sozialen Dienstleistungen verschlechtert. Hauptursache dieser Entwicklungen ist eine Veränderung der Beziehung von Staat und Drittem Sektor in den vergangenen Jahren. Dazu gehört eine stärkere Leistungsvergabe unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten bei gleichzeitiger Öffnung des sozialen Dienstleistungsmarktes für private Anbieter. Der daraus resultierende Kostendruck schlägt sich mehr und mehr in atypischen Arbeitsverhältnissen nieder. „Die Analysen zeigen, dass die Zahl der Beschäftigten im Dritten Sektor nicht mehr gestiegen ist, aber die Beschäftigungsstruktur sich stark verändert hat. Durch den hohen Anteil von Teilzeitbeschäftigung, befristeten Beschäftigungsverhältnissen und Ein-Euro-Jobs droht der Dritte Sektor an Attraktivität als Beschäftigungsbereich zu verlieren." (ebd.) Im Kapitel 1.3 konnte bereits aufgezeigt werden, dass zwar atypische Beschäftigung nicht mit prekären Beschäftigungsverhältnissen gleichzusetzen, der Anteil der prekären Beschäftigungsverhältnisse an den atypischen Beschäftigungsverhältnissen aber sehr hoch ist. Der Dritte Sektor trägt somit auch erheblichen zur Verschärfung von Armutsverhältnissen in Deutschland bei.

2.2.5 Zivilgesellschaftliche Relevanz des Dritten Sektors

Die Zivilgesellschaft als nicht-staatliche Handlungssphäre besteht aus einer Vielzahl pluraler, auf freiwilliger Basis gegründeter Organisationen und Assoziationen, die ihre spezifischen materiellen und normativen Interessen artikulieren und autonom organisieren (Vgl. Lauth/Merkel in Wagner: 16). Habermas weist den zivilgesellschaftlichen Organen die Rolle eines gesellschaftspolitischen Resonanzverstärkers zu, im Sinne eines Weiterleitens gesellschaftlicher Problemlagen an die Öffentlichkeit. Der Dritte Sektor hat dabei den Stellenwert einer zentralen infrastrukturellen Basis der Zivilgesellschaft, der den Raum für Selbstorganisation, individuelles Engagement und kollektives Handeln bietet. Der Dritte Sektor wird durch seine Veränderungs- und Entwicklungspotenziale als Motor gesellschaftlichen Wandels gesehen, dem großes partizipatives und emanzipatorisches Potenzial zugesprochen wird (Wagner: 16). Organisationen im Non-Profit-Bereich bringen die Fähigkeiten einer Gesellschaft zum Ausdruck, sich innerhalb gesetzlicher Rahmenbedingungen, aber außerhalb der staatlichen Hoheitsverwaltung, selbst zu organisieren. Dies ist ein Beitrag zur institutionellen Vielfalt und kann sich positiv auf die Innovationsfähigkeit moderner Gesellschaften auswirken. Aus der Perspektive des Dritten Sektors wird die Zivilgesellschaft als Raum der freien Tätigkeit der Organisationen und als Wirksamkeitsoptionen auf die Politikgestaltung verstanden. Zu den wichtigsten Merkmalen der Zivilgesellschaft zählen die Fähigkeit zur sozialen Selbstorganisation, die Herausbildung und Förderung von Gemeinsinn, die Entwicklung von bürgerschaftlichem Engagement und Kompetenz, zu deren Verwirklichung der Dritte Sektor einen erheblichen Beitrag leisten kann (Priller/Zimmer, 2001: 33ff).

Der Hintergrund dieser Bedeutungszuschreibung und auch Akzentverschiebung in Forschungsansätzen wird ebenso kritisiert wie gelobt. Diskussionen über Politikverdrossenheit, Legitimationsverluste und Steuerprobleme des Staates führen zu einem Bedeutungsgewinn zivilgesellschaftlicher Funktionen des Dritten Sektors. Düchting sieht dies vor allem in der Legitimationssicherung des politischen Systems begründet, das zur Lösung sozialer Probleme aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in der Lage sei (Vgl. Düchting in Wagner: 17). Es wird beklagt, dass intermediäre Non-Profit-Organisationen an Entschärfungen sozialstruktureller Interessenwidersprüche beteiligt sind und partizipative und emanzipatorische Entwicklungen eher verhindern als fördern (Vgl. Bauer in Wagner: 17). Historisch ist die Bedeutung von NPOs immer dann stark angewachsen, wenn die Homogenität einer gesellschaftlichen Formation aufbrach und Krisen der Vergesellschaftung hervortraten. Wenn die Bedeutung der Zivilgesellschaft politisch stark hervorgehoben wird, liegt es nahe anzunehmen, dass Kosten und Probleme staatlicher und wirtschaftlicher Maßnahmen auf die sog. selbstverantwortliche BürgerIn abgewälzt werden (Vgl. Bomheuer in Wagner:17f.).

Eine weiterführende Kritik und tiefgründige Auseinandersetzung zu dem Verhältnis Dritter Sektor und Zivilgesellschaft formuliert Adalbert Evers. Er macht darauf aufmerksam, dass die Gefährdungen und destruktiven Tendenzen aus rücksichtslosem Machtstreben oder Kommerzialisierung auch für die Zivilgesellschaft und den Dritten Sektor zutreffen: „Unziviles Verhalten konkretisiert sich hier vor allem in instrumentellen Orientierungen, die den Wert von ehrenamtlichen Tätigkeiten und demokratischer Partizipation vor allem an deren wirtschaftlichen Nutzen misst." (Evers, 2009)

2.4 Lokale Ökonomie des Dritten Sektors - Soziale Stadt und Neue Regionalökonomie

Es wurde verdeutlicht, dass der Dritte Sektor bezüglich seiner Integrationsfunktion an Bedeutung langfristig betrachtet an Bedeutung gewonnen hat, sich aber kaum zur Reduzierung der Massenarbeitslosigkeit eignet. Zwar wachse die Dienstleistungsnachfrage, jedoch entwickelt sich die Finanzierung angesichts öffentlicher Mittel eher problematisch. Wenn sich der Dritte Sektor nicht zur gesamtgesellschaftlichen „Job-Maschine" entpuppt, werden mit ihm jedoch weiterhin große Hoffnungen auf regionaler und lokaler Ebene verbunden (Wagner: 47f.).

Die meisten Organisationen des Dritten Sektors sind prinzipiell im lokalen oder regionalen Bereich angesiedelt. Der Dritte Sektor entfaltet seine Wirksamkeit voralllem vor Ort. Nach Priller/Zimmer (2004: 76f.) verorten sich 64% der Dritt-Sektor-Organisationen primär im lokalen oder regionalen Bereich. Aus arbeitsmarktpolitischer Perspektive geht es den Sozialen Unternehmen vor allem darum, Beschäftigung durch Innovation auf dem Gebiet sozial und ökologisch nützlicher Produktion bzw. durch Orientierung am lokalen oder regionalen Bedarf oder die Reaktivierung lokaler Wirtschaftskreisläufe zu schaffen. Grundlegende beschäftigungsfördernde Wirkungen werden unterschieden in (Vgl. Wagner: 50f.):

  • die direkte Schaffung von Arbeitsplätzen (die Herstellung von Gütern und Dienstleistungen fördert die Beschäftigung anderer, Gegensatz des Phänomens jobless growth)
  • die indirekte Schaffung von Beschäftigung (Einbindung Sozialer Unternehmen in den Kreislauf von lokaler (Dienstleistungs-)Produktion und lokalen Konsum und lokaler Kaufkraft)
  • Angebot unterstützender Dienstleistungen durch Dritt-Sektor-Organisationen ermöglicht Zugang zu Beschäftigung
  • Aufbau effektiver Unterstützungsstrukturen beim Erschließen von Arbeitsplatzpotenzialen
  • soziale Integration benachteiligter Gruppen durch Unternehmen des Dritten Sektors

Selbst von den Dritt-Sektor-Organisationen und Sozialen Unternehmen, deren vorrangige Zielsetzung nicht auf die Eingliederung ausgelegt ist, sehen Birkhölzer/Kramer ein zusätzliches Potenzial der Lokalen Ökonomie, Benachteiligten neue Chancen zu eröffnen und ihre Beschäftigungsfähigkeit zu verbessern. Vor allem im Prozess der Rekonstruktion von Krisenregionen wird der Entwicklung des Dritten Sektors eine Schlüsselrolle zugewiesen (Vgl. Birkhölzer/Kramer 2002 in Wagner: 52).

Auf dieses Potenzial der Lokalen Ökonomie baut auch das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt". Im Rahmen des deutschen Modells der kommunalen Sozialstaatlichkeit gehört es zu den zentralen Aufgabenstellungen kommunaler Politik, sozial ausgewogene Lebensverhältnisse auf der örtlichen Ebene sicherzustellen. Die Entwicklung von Arbeitsplätzen und Erwerbsmöglichkeiten nimmt einen besonderen Stellenwert in der Entfaltung einer Kommune und der materiellen Lage ihrer Bevölkerung ein. Das Handlungsfeld der lokalen Ökonomie bietet dahingehend eine Chance, Handlungsoptionen auf kommunaler und regionaler Ebene auszuloten. Die wirtschaftliche Lage einer Region wird einerseits durch gesamtwirtschaftliche Trends bestimmt, sie ist aber auch Resultat spezifischer regionaler und lokaler Entwicklungslinien. Markant für die Entwicklung der letzten 20 Jahre ist eine Zunahme der räumlichen Ungleichverteilung von Beschäftigungsmöglichkeiten. Als ursächlich für diese Verteilungsunterschiede muss zum einen der Prozess der Globalisierung genannt werden, wodurch bestimmte Branchen und Betriebe durch die zunehmende Standortkonkurrenz von räumlichen Verlagerungstendenzen betroffen sind. Durch den gemeinsamen Binnenmarkt der EU ist dieser Prozess weiterhin beschleunigt worden. Darüber hinaus wird die räumliche Entwicklung durch den technischen Wandel, insbesondere der Informations- und Kommunikationstechnologien, nachhaltig beeinflusst. Dies führt dazu, dass sich Standortvor- und -nachteile in einer stetigen Umwertung befinden. Es prägt sich somit ein immer stärkeres komparatives Standortverhältnis und Wettbewerbsdruck zwischen verschiedenen Regionen aus, die dadurch geprägt sind, inwieweit eine Anpassung an die sich verändernden Standortanforderungen gelingt (Hanesch/Krüger-Conrad: 7ff). Die Diskussion um die Entwicklungstendenzen lokaler Räume wird durch Forschungsansätze der neuen Regionalökonomie (new regionalism) und der Wirtschaftsgeographie geprägt.

2.4.1 Eine kritische Betrachtung Neuer Regionalökonomie

Der new regionalism ist keine geschlossen gesellschaftswissenschaftliche Theorie, sondern besteht vielmehr aus einer Vielzahl einzelner Ansätze. Entwickelt hat sich die neue Regionalökonomie in den 1980er Jahren durch Impulse aus den USA und wurde bis in die 90er weiter ausgearbeitet. Der Grundgedanke ist als Antwort auf die Globalisierungstendenzen und ihren Folgen zu betrachten und beruht auf die Rückbesinnung eines Wirtschaftens in der Region. Die Regionen sind in diesem Sinne nicht mehr nur „Resonanzkörper" gesellschaftlicher Entwicklungen, sie bilden Eigengestalt und Eigenlogik aus und stellen somit in ihrer Summe die Gesamtgesellschaft dar. Thematisch wird dies auch von der „Geographie der Re-Agglomeration5)" bearbeitet. Die Region wird als Basiseinheit gesellschaftlicher Entwicklungen betrachtet. Hierfür wird nicht der Raum mit seinen Ausstattungsmerkmalen zum wissenschaftlichen Gegenstand sondern das gesellschaftliche Handeln der Akteure und deren strukturelle Bedingungen im Raum. Im Wesentlichen geht es um die Formierung endogenen Potenzials im Raum durch „bottom-up-Prozesse" (ebd.: 57ff).

Durch die fortschreitende Globalisierung ökonomischer Prozesse steigt die Wettbewerbsintensität zwischen Unternehmen und somit auch zwischen Regionen. Für Unternehmen in hochentwickelten Ländern wird es notwendig, kontinuierlich Lernprozesse, Produkte und Produktionsprozesse zu verbessern, dabei spielt der Wissens- und Wettbewerbsvorsprung eine entscheidende Rolle. Technisch anspruchsvolle Produktion und komplexe Innovationsprozesse erfordern interaktives Handeln und gemeinsames Problemlösen zwischen Herstellern, Zulieferern und Abnehmern in der Wertschöpfungskette. Lernprozesse erfordern bestmöglich personengebundene Interaktion und Zusammenarbeit, für die räumliche Nähe besonders hilfreich ist. Durch den Zugang zu personengebundenem Wissen und daraus entstehenden Vertrauensverhältnissen, entwicklen regionale Produktionssysteme einen erheblichen Wettbewerbsvorteil und sichern die globale Wettbewerbsfähigkeit (Eckey: 3f.).

Es gibt zwei wesentliche theoretische Grundperspektiven, die zur Erklärung des Bedeutungsgewinns räumlicher Nähe beitragen: Kohärenz (Zusammenhang/Zusammenhalt) und Diversität (Vielfalt) sowie ökonomisch-funktionale Effizienz und soziale Konnektivität. Beide Perspektiven stehen für unterschiedlich theoretische Kontexte, müssen sich aber dadurch nicht ausschließen.

Cluster-Ansätze, spielen in der Regionalökonomie eine große Rolle. Sie betonen die Konzentration von Unternehmen entlang von Branchenkomplexen bzw. von Elementen der Wertschöpfungskette. Die Branche oder die Wertschöpfungskette erfährt durch die räumliche Nähe einen Vorteil. Das heißt, räumliche Nähe führt zur Optimierung des „Gesamtsystems" der Branchenproduktion, deren einzelne und durch die Arbeitsteilung hochspezialisierten Elemente eine Kohärenz erfordern: „Der entlang einer Wertschöpfungskette organisierte Produktionsprozess wird in den Ansätzen als ein kohärentes Gesamtsystem verstanden, bei dem die Arbeitsteilung zu einer Spezialisierung der einzelnen Tätigkeiten führt und der Ressourcenzugriff günstig und effizient organisiert ist." (Kröcher: 122) Die Verbesserung des ökonomischen Prozesses durch Kohärenz beruht also auf Homogenität und Spezialisierung. Kohärenz darf nicht als eine isolierte Faktorausstattung von Räumen verstanden werden, die Frage richtet sich danach, wie formale und informelle Interdependenzen organisiert werden. Notwendig für die Herstellung von Kohärenz ist eine gemeinsame Identität und Zusammengehörigkeitsgefühl (ebd.:121ff).

Die Diversität versteht sich als Form räumlicher Nähe, die durch eine Vielfalt von Ressourcen gekennzeichnet ist, auf die Akteure kostengünstig zurückgreifen können. Dies erfolgt unabhängig von kohärenten Verhältnissen der Ressourcen zueinander. Die Diversität des Ressourcenzugriffs wird durch eine unmittelbare und potenzielle Verfügbarkeit einzelner Ressourcen geprägt, die nur in verdichteten Räumen (Agglomeration) existiert.

Kröcher systematisiert sechs Argumentationsstränge für die Erklärung des Bedeutungsgewinns räumlicher Nähe wie folgt (Kröcher: 127):

  • geringe Transaktionskosten mit der Zunahme zwischenbetrieblicher Beziehungen
  • Ausbau von Netzwerken mit den Kategorien Vertrauen und Kontrolle
  • Innovationsvorteile durch die Kategorie „tacit knowledge"6)
  • institutionelle und soziokulturelle Gründe mit der Einbettung in regionale Milieus, Institutionen und Netzwerkstrukturen
  • kognitive Gründe mit der Kategorie der räumlichen Identitätsbildung
  • Agglomeration mit der Erzielung externer Erträge

Hinzu kommt die höhere Interaktionswahrscheinlichkeit bei räumlicher Nähe, die zu einer größeren sozialen Nähe, zu einem wahrscheinlicheren Austausch von „tacit knowledge" oder zu einer wahrscheinlicheren Nutzung gemeinsamer Ressourcen und damit zur Erzielung externer Erträge führen kann.

Solange die Neue Regionalökonomie als Gegenpol eines neoliberalen globalisierten Wirtschaftens gesehen wird, sind zahlreiche Kritikpunkte festzustellen. Kröcher geht in seiner Ausarbeitung der Schwächen des new regionalism systematisch vor und bezieht sich auf die oben genannten Argumentationsstränge des Bedeutungsgewinns einer Regionalökonomie. Kröcher weist nach, dass im new regionalism eine Regionalisierung von theoretischen Gesellschaftskonzepten vorgenommen wurde, die auf der Basis von Nationalstaaten entwickelt ist. Zu kritisieren sei dabei die Raumbehandlung, die zu einer „Hypostasierung der Region"7) geführt hätte, dabei wird von der Annahme ausgegangen, lokale Orte und Regionen seien statisch und fixiert. „Dabei trägt diese Regionskonstruktion nicht nur als Kitt zur Stabilisierung des Kapitalismus bei, sie wird gleichsam auch in das grundlegende Wettbewerbsprinzip eingebunden."(Kröcher: 199)

Die transaktionskostentheoretische Begründung setze nach Kröcher an einem Automatismus an, wobei die Bedeutung räumlicher Nähe durch organisationale Desintegration und der sich herausbildenden territorialen Integration begründet wird. Doch die Voraussetzung der Desintegration und Dezentralisierung kann durchaus wegfallen, wenn beispielsweise eine räumliche Aufspaltung der Produktionsprozesse durch neue Technologien und Transporttechniken ermöglicht wird. So würde auch eine räumliche Aufteilung der Produktion effizient und rational erscheinen. Kröcher hält auch das Argument der Herausbildung von Netzwerkstrukturen, Vertrauen und Kontrolle für nichtig, da diese Kategorien erst in räumlicher Abwesenheit zum Tragen kämen. Der Argumentationsstrang der „tacit knowledge" scheint nicht mehr aktuell, da dies nicht unbedingt als lokales Wissen betrachtet werden muss, „vielmehr sind zeitliche Kopräsenzen vorstellbar, die keine nahräumliche Lokalisation erfordern."(ebd.:200) Darüber hinaus findet ein fortschreitender Rationalisierungs- und Standardisierungsprozess statt, dessen Zielsetzung es ist, Wissen zu kodifizieren und in verfügbare Informationen zu verwandeln, um sie räumlich transferierbar zu gestalten.

Die Wirkmächtigkeit übergeordneter Strukturen werden in den Ansätzen des new regionalism kaum berücksichtigt. „Abstrakte Marktprozesse und Akkumulationserfordernisse nehmen kontinuierlich Einfluss auf räumliche Strukturveränderungen, ohne dass diese angemessen zur Erklärung herangezogen werden."(ebd.:201) Es führt zu einer Ausblendung von Marktzwängen, ökonomischer Macht und den Staat als Struktur gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse. Kröcher kommt zu dem Schluss, dass Neue Regionalökonomie vor allem agglomerationstheoretisch, durch die Perspektive der Diversität und ökonomisch-funktionalen Effizienz, plausibel erscheint. Räumliche Nähe ist seiner Meinung nach, nur eine Möglichkeit und keine theoretisch zwingende Resultate aktueller gesellschaftlicher und ökonomischer Entwicklungen. Außerdem mangele es ihr an einer empirischen Fundierung (ebd.).

Es soll hier insbesondere herausgestellt werden, dass der neue Regionalismus sein Versprechen und Ziel der Stärkung von Partizipation und Selbstbestimmung als Gegenpol zu kapitalistischen Globalisierungsstrukturen so nicht einhalten kann. Die Betonung der räumlichen Nähe vernachlässigt die gesellschaftliche Dimension und meidet die Auseinandersetzung mit realen Interessensgegensätzen und Machtverhältnissen. Der new regionalism ist anschlussfähig an neoliberale Konzepte: „Statt eine Gegenmacht zu entwickeln, verfängt er sich in regionaler Standortlogik und wird damit zum Steigbügelhalter einer neoliberalen Wettbewerbsformierung." (Voß, 2009)

2.4.2 Lokale Ökonomie in der Sozialen Stadt

Dieser Wettbewerbslogik sieht sich auch die Regionalpolitik ausgesetzt, die eine regionale Wirtschaftsförderung anstrebt. Auf der einen Seite wird im Bereich der Wirtschaftsförderung eine maximale Effizienz angestrebt, auf der anderen Seite soll die wirtschaftliche Entwicklung der Region gleichmäßig gefördert werden. Setzt die Förderung in konzentrierten wachstumsstarken Regionen an, läuft diese Politik Gefahr, vorhandene ökonomische und soziale Disparitäten zu verstärken, anstatt sie abzubauen. Eine alternative lokale Wirtschaftsförderung könnte darin bestehen, im Rahmen einer 'Milieupolitik' brachliegende endogene Potenziale zu reaktivieren und die regionalen Produktmilieus zu stärken (Hanesch/Krüger-Conrad: 13).

Schwierigkeiten bestehen allerdings in dem Rückzug des Staates aus seiner sozialstaatlichen Regelungs- und Förderverantwortung, was gleichbedeutend mit einem zunehmenden Druck für die Kommunen einhergeht. Des weiteren müssen sich Kommunen auf immer geringere finanzielle Haushaltsressourcen einstellen. Für Hanesch/Krüger-Conrad stellt sich demzufolge die Frage, welche Rolle und Aufgaben die Kommune im Kontext des 'aktivierenden Sozialstaats' zukommen sollen. Diese Entwicklung wird darüber hinaus durch eine defensive Raumordnungspolitik verstärkt, die ihre Aufgabe traditionell in der nachhaltigen Verbesserung der Bedingungen für die Entwicklung einzelner Regionen sieht. Angesichts einer drohenden Überforderung und Handlungsverlust wurden in und für die Kommunen neue Steuerungsformen entwickelt, die auch im Handlungsfeld der Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung Anwendung finden. Dazu zählen Verfahren wie das New Public Management und eine neue 'kooperative Steuerung' (ebd.: 19ff).

Diese Verfahrensbeispiele bilden zentrale Elemente des Bund-Länder-Programms „Soziale Stadt". Ziel dieses Programmes ist es, einer drohenden sozialen Spaltung in den Städten entgegen zu wirken und eine nachhaltige Entwicklung in Stadt- und Ortsteilen mit besonderen sozialen, wirtschaftlichen und städtebaulichen Problemen zu ermöglichen. Die lokalökonomische Zielsetzung bezieht sich auf eine nachhaltige Entwicklung, Bürgermitwirkung und Förderung lokaler Wirtschaft, Arbeit und Beschäftigung (Vgl. Löhr). Neben vielfältigen Programmzielen zu einer Aufwertung und Verbesserung der physischen Lebens- und Wohnbedingungen, wird in der Lokalen Ökonomie eine Schlüsselfunktion gesehen. Die Zielgruppen des Programms „Soziale Stadt" zählen größtenteils zu den Verlierern von Modernisierungs- und Globalisierungsprozessen und stehen einem ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturwandel gegenüber, der neben der Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt auch zu einer Marginalisierung durch sozialräumliche Ausgrenzung führen kann (Hanesch/Krüger-Conrad: 22f.).

„Die Stärkung der Lokalen Ökonomie spielt in rund 60 Prozent der Programmgebiete eine Rolle und nimmt damit den dritten Rang bei den Zielnennungen ein."(Deutsches Institut für Urbanistik (DIFU), 2003)8) Tatsächlich werden nur wenige Maßnahmen umgesetzt (in 29% der Programmgebiete erfolgten Umsetzungen). Es scheinen Unsicherheiten über erfolgsversprechende Handlungsstrategien zu bestehen (ebd.). Die Umfrage des DIFU verdeutlicht, dass die lokale Wirtschaftsförderung „[als] Problem [...] nur gering wahrgenommen [wird], als Potential schon eher gesehen und bei den Zielen steht die lokale Ökonomie ganz oben. Maßnahmen zur Umsetzung dieses Zieles fehlen dagegen so gut wie völlig, und so ist es dann auch nicht verwunderlich, dass auf diesem Gebiet eher wenig Erfolge vermeldet wurden."(Löhr, 2004) In der Auswertung der DIFU Umfrage wird ersichtlich, dass die Umsetzung lokalökonomischer Maßnahmen stark von der Funktionalität der implementierten Handlungsansätze sowie des Wirkungsgrads des Quartiersmanagements abhängt. Wenn auf diesen Gebieten Erfolg erzielt werden konnte, wirkt sich das auch auf die Lokale Ökonomie aus (ebd.).

„In der Programmumsetzung zeigt sich jedoch, dass Lokale Ökonomie trotz eines Bedeutungszuwachses zu den eher schwierig umzusetzenden Handlungsfeldern der Sozialen Stadt gehört: Probleme, die auf überlokaler Ebene entstanden sind, lassen sich im Quartierskontext kaum lösen, und Wirtschaftsakteure sind bisher im Rahmen der Quartiersentwicklung nur schwer erreichbar. Notwendig sind daher die stärkere Einbeziehung der kommunalen Wirtschaftsförderung, eine gezielte Beteiligung von Unternehmerinnen und Unternehmern vor Ort, die Stärkung der ethnischen Ökonomie sowie die Berücksichtigung regionaler Kontexte der Wirtschaftsentwicklung." (Bundestransferstelle Soziale Stadt: Statusbericht 2008 zum Programm Soziale Stadt)

Mögliche Gründe dafür sind Schwierigkeiten bei der Operationalisierung entsprechender Ziele, die in den integrierten Entwicklungskonzepten festgelegt wurden, oder auch Fehleinschätzungen der tatsächlich im Gebiet vorhandenen Entwicklungspotenziale im Bereich Lokale Ökonomie. Generell wird davon ausgegangen, dass die Problemursachen in stärkerem Maße als bei anderen Handlungsfeldern vor allem auf überlokaler und überregionaler Ebene zu suchen sind.

Dem Kernproblem (Langzeit-)Arbeitslosigkeit in den benachteiligten Quartieren konnten kaum arbeitsmarktpolitische Maßnahmen konzentriert entgegengesetzt werden. Als Hemmnisse werden vor allem eine nach wie vor subjektbezogene, also nicht auch sozialraumorientierte Ausrichtung der Arbeitsverwaltungen sowie Mittelkürzungen und die Neuausrichtung der Arbeitsmarktpolitik des Bundes gesehen. „Auf kommunaler Ebene kann eine zu starke Beschränkung lokalökonomischer Maßnahmen ausschließlich auf Programmgebiete hinderlich wirken, da beispielsweise räumliche Arbeitsmarktverflechtungen in der Regel die Gesamtstadt oder sogar die Region umfassen. Als problematisch für die Quartiersebene stellt sich heraus, dass insbesondere Wirtschaftsvertreterinnen und -vertreter (kommunale Wirtschaftsförderung, Kammern, lokale Gewerbetreibende) in vielen Fällen zur Gruppe der nur schwer erreichbaren Akteure gehören."(Bundestransferstelle Soziale Stadt: Statusbericht 2008 zum Programm Soziale Stadt)

Walther und Güntner (291ff) fragen nach einer programmatischen Überforderung der „Sozialen Stadt". Sie nehmen 2004 eine positive Aufbruchsstimmung war, sehen allerdings Entwicklungsbedarf in der institutionellen Einbettung und Umsetzung des Programms. Eindeutige Kritik richtet sich gegen die unausgereifte Ressortintegration und Mittelbündelung. Die Finanzierung durch Bund, Land und Stadt erfolgt nur wenig ressortübergreifend und unterläuft somit der Gefahr einer „Programmharmonisierung". Auf Landes- und Kommunalebene besteht mangelhafte Passfähigkeit, die zu Umsetzungsschwierigkeiten führen. Gerade auf Ebene von Bund und Ländern werden Nachbesserungen erwartet, wobei es nicht unbedingt um mehr Geld ginge, sondern um die Verfügbarkeit des Geldes: „[Es] dominieren die federführenden Ressorts, und eine strategische Ausrichtung in der Umsetzung fehlt. Es scheint, dass es bislang eher gelungen ist, die Grenzen zwischen öffentlichen und externen Akteuren zu überwinden als die Ressortgrenzen innerhalb der Verwaltung." (ebd.: 299) Es geht also darum, die Politik der „Sozialen Stadt" weiterzuentwickeln, und nicht das Programm.

In diesem Kapitel wurde deutlich, dass die Notwendigkeit eines Handlungsbedarfs im lokalen und regionalen Raum besteht und sich einerseits in wirtschaftswissenschaftlichen Theorien des new regionalism wiederfinden lassen oder in praxisorientierten Handlungssträngen des Programms „Soziale Stadt". Es stellte sich ebenso heraus, wie begrenzt sich die Bedeutung regionaler oder lokaler Ökonomie darstellt, solange sie als Maßnahme einer Standortoptimierung dient, um dem globalen Wettbewerbsdruck standhalten zu können. So ist die Lokale Ökonomie und somit auch die Soziale Ökonomie in neoliberalen Handlungsstrukturen gefangen, die keine bedeutungsvollen Veränderungen für die sogenannten „Modernisierungsverlierer" bieten. Im Folgenden soll auf das Potenzial der Solidarischen Ökonomie eingegangen werden, da sie, zwar kapitalismuskritisch, aber dennoch innerhalb dieses Wirtschaftssystems, Menschenbilder, Zielsetzungen und Prinzipien des Wirtschaftens oder das Verständnis von Arbeit hinterfragt und neue Perspektiven liefert.


3 Charakteristik und Forderungen einer Solidarischen Ökonomie

3.1 Zielsetzung und Anspruch

Es wird der Idee und vielfältigen Umsetzungen solidarischer Ökonomie nicht gerecht, sie als „Appell an die Barmherzigkeit" (Vgl. Passet) zu verstehen. Sie geht weit über ein „soziales und wirtschaftliches Füreinander" hinaus und ist gedacht als Mittel zur Existenzsicherung in Zeiten der Globalisierung und „der Erpressung durch die Welt-Marktwirtschaft und das private, meist international mobile Kapital."(Wallimann, 1998: 51) Die Solidarische Ökonomie versteht sich nicht in erster Linie als revolutionäre Bewegung, sondern als „Gegenökonomie" und „Gegengesellschaft mit Zukunft" (ebd.: 52).

Wallimann bezeichnet zwei Hauptgründe, die die Umsetzung solidarischer Wirtschaftsstrukturen notwendig machen. Zum einen erfährt das kapitalistische Wirtschaftssystem eine der tiefsten Krisen (Wallimann: 1998), die mit der Verlagerung von Kapital und Arbeitskraft von Industriestaaten in weniger industrialisierte Gesellschaften verbunden ist. Die Wirtschaftskrise führt zu einer Verschärfung von Armutsverhältnissen und fordert neue Strategien der Existenzsicherung. Zum anderen verweist Wallimann auf eine Vernichtung ökologischer Ressourcen durch die Industriegesellschaften, die überwiegend durch kapitalistische Strukturen geprägt sind: „Soll die Menschheit in der ihr gegebenen Natur mit den vorhandenen Energiequellen überleben, muss weniger Energie verbraucht und die Industrienationen gedrosselt werden. Weder das heutige, geschweige denn ein höheres Niveau der industriellen Produktion und des weltweiten Austauschs von Gütern lässt sich ökologisch halten." (ebd.:52) Zusammenfassend geht es also darum, die Ausbeutung gegenüber Mensch und Natur zu verhindern und ein alternatives solidarisches und nachhaltiges Wirtschaften anzustreben.

Solidarische Ökonomie versteht Wirtschaften im ursprünglichen Sinn als „Wirtschaften für das ganze Haus (oikos)". Ziel des Wirtschaftens ist die individuelle und gemeinsame Bedürfnisbefriedigung im Lebensumfeld vor Ort zu sichern. Das bedürfnisorientierte Wirtschaften geht von einer Befriedigung materieller Notwendigkeiten und ebenfalls einer Sicherstellung immaterieller Bedürfnisse aus, die eine gute Lebensqualität ausmachen. Dessen Umsetzung erfordert ein Umdenken, eine Absage an Leistungs- und Wachstumsdenken und "protestantischen Arbeitsethos" (Vgl. Möller/Peters, 1998). Dies ist nur möglich durch einen permanenten gesellschaftlichen Diskurs zur Gestaltung eines gemeinsamen Wirtschaftens und Arbeitens, der auf Vertrauen und Kommunikation aufbaut. Ziel eines bedürfnisorientierten, solidarischen Wirtschaftens ist es, Wirtschaften, Arbeiten, Lernen und Leben wieder zu verbinden mit der Absicht einer verbesserten Lebensqualität auf der Basis einer lokal orientierten und überregional vernetzten Selbstversorgung. Es handelt sich um Wirtschaften für das „gemeinsame Eigene" mithilfe aller gleichberechtigten Menschen entsprechend ihren Möglichkeiten. Eine eigenständige Existenzsicherung resultiert aus bezahlten und unbezahlten Leistungen für gesellschaftliche notwendige und ökologisch sinnvolle Arbeiten. Zusammenfassend schließt Möller einen Definitionsversuch anhand folgender Kriterien Solidarischer Ökonomie an (Möller, 2005: 23):

Solidarische Ökonomie fordert:

  • eine „gute Lebensqualität", die sich möglichst verbessert
  • Wirtschaften für ein 'gemeinsames Eigenes'
  • Wirtschaften für die Reproduktion des lebensbedürfnisorientierten Handelns
  • Verbindung von Wirtschaften, Arbeiten, Lernen und Leben, einschließlich des Wohnens
  • gleiche Rechte für alle, Mitbestimmungsanspruch an alle
  • Solidarität und gegenseitige Unterstützung
  • vernetzte basisdemokratisch organisierte Selbstversorgung
  • Existenzsicherung durch eigene, bezahlte, notwendige Leistungen
  • ökologisch sinnvolles Handeln

Möller betont eingehend, dass dies keine Zielvorgaben und Normen sind, die sich für alle Umstände festlegen lassen sondern gerade von den Akteuren einer Solidarischen Ökonomie zu entwickeln sind und aus einem Diskurs heraus entstehen: „Alle diese Normen zeichnen sich dadurch aus, dass sie diskursfähig sind. Z.B. „das gute Leben": Über das, was alles dazugehört, wenn wir von einer wünschenswerten Lebensqualität sprechen, können wir uns ziemlich leicht einigen [...]. Aber über das „Wie" der Ausgestaltung und die Maßstäbe zur Verteilung des Erarbeiteten ist ein Konsens schon schwerer zu erreichen, da gibt es massive Macht- und Interessenkämpfe, die uns auch nicht bei einem anderen wirtschaften erspart bleiben."(ebd.:23)

Im Gegensatz zu Gewinn- und Konkurrenzprinzipien steuert Solidarische Ökonomie durch Solidarität und generiert Sozialkapital durch Kooperation und solidarische Bewirtschaftung von Ressourcen, was die eigenständige Logik des Wirtschaftens ausmacht. Solidarökonomisches Agieren ist geprägt durch Handlungsprinzipien der Freiwilligkeit, Solidarität, Kooperation, demokratische Organisation, Assoziation, Selbstorganisation und Gemeinwohlorientierung. Monetäres Kapital hat dabei dienende Funktion (Elsen, 2007a: 34f.).

Zumeist wird zur ökonomischen Selbsthilfe in den Wohlfahrtsstaaten erst dann gegriffen, wenn bei einer lang anhaltenden Krise alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft wurden. Derzeit beziehen sich Formen Solidarischer Ökonomie zum Großteil auf die Bereiche Arbeit, Erhaltung von Einrichtungen der Daseinsvorsorge und die lokale Kontrolle über Geld und lassen sich aktuell in folgenden Bereichen feststellen (ebd.: 40f.):

Unternehmen der alternativen Arbeitsorganisation gewerblicher Wirtschaft (Belegschaftsbetriebe), haben das Ziel Erwerbsarbeit vor Ort durch kooperative Betriebsübernahmen zu sichern

Bemühungen um die lokale Kontrolle von Geld in Form von Komplementärwährungen, lokalen Bankkooperativen und Investitionsfonds

Kooperative Unternehmen im Bereich alternativer lokaler Arbeitsmarktpolitik mit Personen, die am Arbeitsmarkt benachteiligt sind (Existenzsicherungsgenossenschaften)

Verbraucher-Konsumenten-Kooperativen an den Nahtstellen Stadt und Regionen

Produktivgenossenschaften überwiegend hochqualifizierter Kräfte, die im Markt oder öffentlichen Sektor keine sicheren Arbeitsplätze mehr finden und ihre Chancen im Markt gemeinsam verbessern, z.B. Ingenieurwesen, IT-Branche (Geistkapitalunternehmen)

Kooperativen und Fonds, die die öffentliche Infrastruktur und Daseinsvorsorge durch die lokale Bevölkerung gegen Kommerzialisierung sichern

Bewegungen zur Aneignung und selbstbestimmten Nutzung von Boden und Wiedergewinnung von Subsistenzmöglichkeiten in Städten (Bsp. Japan)

Konstruktion alternativer Geldsysteme, die lokale Wertschöpfung und soziale Integration fördern (Bsp. Japan)

Sozial-, Bildungs-, Kultur- und Gesundheitsgenossenschaften, die dem Abbau und den Qualitätseinbußen durch Privatisierung in diesem Bereich entgegen wirken sollen

Eher locker organisierte Projekte Solidarischer Ökonomie stellen ökonomische Zusammenschlüsse wie Umsonstläden, Tauschringe oder Lebensmittel-Coops. Auf diese Beispiele soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden, da sie eher an der Frage der Distribution orientiert sind. Auch globale Projekte wie Open-Source-Software (Linux, Mozilla, Open Office etc.) oder Wikipedia erfüllen die Kriterien der Solidarischen Ökonomie, werden aber ebenfalls in dieser Arbeit nicht weiter thematisiert9).

Es ist festzustellen, dass es kein einheitliches Konzept der Solidarischen Ökonomie gibt. Ihre Qualität als Alternative zum Neoliberalismus gewinnt sie, indem sie praktisch oder theoretisch den Anspruch auf Alleinherrschaft der kapitalistischen Wirtschaftsweise widerlegen. Solidarischer Ökonomie liegt ein grundlegend anderes Menschenbild zugrunde, als es der 'homo oeconomicus' der kapitalistischen Marktwirtschaft darstellt. Die Emanzipation des einzelnen kann nur mit anderen zusammen, nicht gegen sie, möglich sein. Es besteht der Anspruch von klein auf, kreative Fähigkeiten in Kooperation mit anderen entfalten zu können, nur so könne sich ein volles Arbeitsvermögen in einer herrschaftsfreien Umgebung und selbstorganisierten Zusammenhängen entwickeln (Voß, 2008: 63f.). An dieser Stelle kommt auch der gesellschaftliche Anspruch der Solidarischen Ökonomie zum Tragen. Es geht darum, Möglichkeiten und Lernräume für ein kooperatives und solidarisches Verhalten zu schaffen, bei dem soziale und kulturelle Werte einer Gesellschaft nicht nur auf ihren Marktwert reduziert werden. In seinem „Plädoyer für eine humane Wirtschaftspolitik" fordert Passet als Konsequenz des Weltsozialforums in Porto Algre, eine Förderung der freien Entfaltung individueller Phantasie, „und zwar wegen und nach der Maßgabe ihrer sozialen Nützlichkeit" sowie der Achtung eines Wertepluralismus als Fundament einer Demokratie. Einer unbeschränkten Herrschaft der Vernunft des einzelnen werden die Grundsätze einer „pluralen Ökonomie" entgegengesetzt. Hierbei betont Passet, dass eine marktorientierte Vernunft nicht radikal abgelehnt werden muss, jedoch die Vorstellung einer ökonomischen Wirklichkeit als alleinig von der Marktlogik bestimmt (Vgl. Passet).

Das Verständnis einer Orientierung auf den Nutzen statt auf Gewinn ist durch die Merkmale der Selbstorganisation, Orientierung an den Bedürfnissen der Betroffenen und ein nachhaltiges Wirtschaften gekennzeichnet. Eine Solidarische Ökonomie ist für die Menschen da, nicht der Mensch für die Wirtschaft (Vgl. Voß, 2008: 63). „Aber wenn sich Mittel und Zweck verkehren und nicht mehr das Geld den Menschen dient, sondern umgekehrt die Menschen sich dem Geld untertan machen, dann wird die Vernunft zur Unvernunft, und die Welt versinkt in Absurdität." (Passet in „Nach dem Weltsozialforum von Porto Alegre", Le Monde diplomatique, 16.2.2001)

3.2 Historische Bezüge

Blickt man in die Geschichte der Solidarischen Ökonomien, ist es interessant herauszufinden, welche Motive der Entwicklung verschiedener Formen Solidarischer Ökonomien zugrunde lagen, welchen Bedingungen sie gegenüber standen und schließlich die Frage nach dem Erfolg.

Formen Solidarischer Ökonomie werden häufig als „Armutsökonomien" betrachtet, als „Kinder der Not". „Wenn Menschen auf ihre Lebenswelten zurückverwiesen werden, weil sie für die entgrenzte Ökonomie entbehrlich geworden sind, können und müssen sie sich in kooperativen und selbstorganisierten Formen sozialproduktiv zusammentun, um ihre Existenz zu sichern." (Elsen, 1998: 54) Elsen ist sich der Plausibilität dieser Argumentation bewusst, betont allerdings den hinter dieser Entwicklung stehenden langfristigen gesellschaftlichen Lernbedarf.

Die historischen Vorläufer der Solidarischen Ökonomie sind im Kontext der Genossenschaftsbewegung und der Settlementbewegung zu finden. „Genossenschaften seien „Kinder der Not" und Not mache erfinderisch, so heißt es immer wieder. Aber nicht jede Not führt zu einer Aktivierung der wirtschaftlichen Selbsthilfe. Eine unmittelbare Verknüpfung von wirtschaftlichen Krisen und Genossenschaftsgründungen zu postulieren wäre irreführend." (Klöck, 1998: 28)

Klaus Novy und Michael Prinz (1985: 12) setzten sich mit den historischen Formen Solidarischer Ökonomie auseinander und stellten gewisse Bedingungen oder Voraussetzungen zur Herausbildung und Entwicklung kollektiver ökonomischer Selbstorganisation zusammen. Nach Novy/Prinz wird erst dann zur wirtschaftlichen Selbsthilfe gegriffen, wenn andere Formen der Auseinandersetzung wie der politische oder gewerkschaftliche Kampf nicht oder nicht mehr greifen oder andere Angebote der „systemgerechteren" Reproduktionssicherung ausbleiben. Als Bedingung einer Herausbildung solidarischer Wirtschaftsstrukturen zählen Novy/Prinz ein hohes Maß an Organisationserfahrungen und Disziplin sowie ein Mindestmaß an finanzieller Selbstbeteiligung. „Wirtschaftliche Selbsthilfe in der Unternehmensform der Genossenschaft als solche sei keineswegs schon ein Stück Sozialreform." (Klöck, 1998: 29) Der Anspruch muss darin liegen, nicht nur Schwächergestellte wirtschaftlich zu fördern, sondern die Vorteile einer genossenschaftlichen Organisation prinzipiell verallgemeinerungsfähig zu gestalten.

3.3 Die Frage nach der Aneignungsgerechtigkeit

Durch die fortschreitende Privatisierung von Infrastruktur der öffentlichen Daseinsvorsorge und der Durchsetzung privater Eigentumsrechte in Bezug auf menschliches Wissen und Teile der Natur, drängt sich die Frage nach Eigentumsverhältnissen auf. Titel wie die „Privatisierung der Welt" (Huffschmid, 2004) oder die „Globale Enteignungsökonomie" (Zeller, 2004) prägen die kritischen politischen und wissenschaftlichen Debatten und natürlich jene der Solidarischen Ökonomie. „Ein grundlegendes Verdienst dieser kritischen Diskussionen ist die Erinnerung an den eigentlich trivialen Tatbestand, dass alles, was in irgend einer Form verteilt werden soll, zuvor auf irgend eine Art und Weise angeeignet worden sein muss." (Bierhoff: 124) Die Frage einer gerechten Verteilung kann somit nicht ohne das Problem der Aneignungsgerechtigkeit diskutiert werden. Die für den Kapitalismus typische Eigentumsform, ist das Privateigentum, „das umfassende, restlose, individuelle Verfügungsrechte einer Person über eine Sache beschreibt" (ebd.). Der „Besitz" von Eigentum beruht auf einen Prozess, bei dem die private Aneignung von Gütern mit einer gesellschaftlichen Enteignung einhergeht. Die betreffenden Güter werden, nach der kritischen Eigentumstheorie von Marx, monopolisiert, privaten Eigentumsinteressen unterworfen und öffentlichen Nutzungschancen entzogen. Eigentum heißt immer automatisch Aneignung und Enteignung zugleich, das sich nicht in einem Verhältnis von Person und bestimmter Sache darstellt, sondern vielmehr das Verhältnis zwischen Personen in Bezug auf bestimmte Sachen. Eigentumsverhältnisse implizieren somit gesellschaftliche Verhältnisse und schlussfolgern politische Fragen, in denen es um die Verteilung von gesellschaftlichen Lebens- und Teilhabechancen geht. „Aus dieser Perspektive gehört die Eigentumsfrage nach wie vor zu den zentralen Konfliktlinien des modernen Kapitalismus. Denn Ungleichheit, Macht und Herrschaft werden maßgeblich durch die Möglichkeit bestimmt, sich Güter aneignen und über Eigentum verfügen zu können – oder eben nicht." (ebd.:125)

Der Eigentumsfrage einer solidarischen Ökonomie ist nicht mit der generellen Ablehnung von Eigentum zu begegnen, denn auch wenn Eigentum ausschließenden und exklusiven Charakter hat, wirkt es andererseits inklusiv, wie das Beispiel des Kollektiveigentums zeigt. Statt um die Abschaffung von Eigentum, geht es vielmehr um die Suche nach Wegen auf globaler, regionaler und lokaler Ebene, um das private Eigentum einer Minderheit von der großen Mehrheit der Enteigneten gesellschaftlich (wieder)anzueignen und es zu einem gemeinsamen Eigentum zu gestalten. Darüber hinaus müssen Überlegungen folgen, wie gemeinsame Eigentumsverhältnisse und Nutzungsrechte solidarisch gestaltet werden können. Ansätze sind wieder in historischen wie modernen Genossenschaftsbewegungen vorzufinden oder ebenso in der aktuellen Freien Softwarebewegung (ebd.: 124ff).

In diesem Zusammenhang sollen auch aktuelle Debatten über Gemeingüter, also Allmende oder Commons, nicht unerwähnt bleiben. Der Begriff der Gemein(schafts)güter bezieht sich auf zwei zentrale Kategorien. Zum einen auf endliche, materielle, natürliche Ressourcen wie Rohstoffe, Energieträger, Wasser, Wald etc. und zum anderen auf nicht fassbare, immaterielle, intellektuelle Ressourcen wie Wissen und Ideen, „die codes der Informationsgesellschaft (Software) und die codes des Lebens; die Wissensallemende." (Helferich, 2007) Grundlegend ist die kollektive Festlegung der Zugangs-, Nutzungs- und Teilhaberechte an den Gemeinschaftsgütern. Das „Gemeingütermanagement" ist durch ein hohes Verantwortungsbewusstsein gekennzeichnet, es zielt darauf ab Effizienz, Stabilität und Widerstandsfähigkeit der jeweiligen Ressource zu sichern und unterliegt den Prinzipien der Freiheit und Verantwortung, Reziprozität und Kooperation. „Gemeinschaftsgüter müssen im Sinne intergenerationeller Gerechtigkeit immer wieder an die Gesellschaft zurück fallen [...]." (ebd.) In der Gemeingüterdebatte wird deutlich, dass Gemeinschaftsgüter per se nicht privateigentumsfähig sind oder sie ihren gesellschaftlichen Nutzen nur dann entfalten, wenn sie von der Gesellschaft (nicht unbedingt dem Staat) kontrolliert und bewirtschaftet werden. Das heißt, Gemeingütermanagement ist als treuhändische Verwaltung zu verstehen. Ob sie in einem emanzipatorischen Sinn gelingen kann, hängt davon ab, ob commons und mit ihnen gemeinschaftliche Strukturen für alle Menschen erhalten und zugänglich bleiben (ebd.).

3.4 Solidarität als Prinzip und Grundbedürfnis

Wie es der Name sagt, basiert Solidarische Ökonomie auf dem Prinzip der Solidarität. Es erscheint als grundlegend positive Handlungsnorm. Dies ist jedoch abhängig von seiner Interpretation und Auslegung - hat es auch seine Vieldeutigkeit in den letzten 200 Jahren bewiesen und wird heute durchaus als „Leerformel" herangezogen (Wendt, 2002: 42).

„Solidarität bezeichnet ein Prinzip, das gegen die Vereinzelung und Vermassung gerichtet ist und die Zusammengehörigkeit, d.h. die gegenseitige (Mit-)Verantwortung und (Mit-)Verpflichtung betont. Solidarität kann auf der Grundlage gemeinsamer politischer Überzeugungen, wirtschaftlicher oder sozialer Lage etc. geleistet werden. Die politische Soziologie unterscheidet zwei Formen: 1) die mechanische Solidarität, die auf vorgegebenen gemeinsamen Merkmalen einer Gruppe beruht (z.B. Geschlechtszugehörigkeit), und 2) die organische Solidarität, deren Basis das Angewiesensein aufeinander (z.B. auf Spezialisten in hoch-arbeitsteiligen Gesellschaften) ist."10)(Lexikon der Bundeszentrale für Politische Bildung)

Die Solidaritätsdefinition der Bundeszentrale für Politische Bildung betont sehr den Pflichtcharakter solidarischen Handelns unserer Gesellschaft. In diesem Sinne zur Geltung kommt dieser auch als solidarische Verantwortung im Sozialstaatsprinzip und moralischer und normativer Beweggrund sozialwirtschaftlichen Handelns. Darüber hinaus ist Solidarität auch als Geschwisterlichkeit oder aus individueller Perspektive als Grundbedürfnis zu betrachten, was für die Bedeutung einer Solidarischen Ökonomie von besonderem Interesse ist.

Solidarität stellt einen Leitgedanken dar, der zur Unterscheidung sozialen Wirtschaftens von marktwirtschaftlicher Regulierung dient. Solidarisches Handeln erfolgt ohne eine Erwartung auf Gegenseitigkeit, während es das Motiv marktwirtschaftlichen Handelns der Preis ist, der mit einem Gut auf dem Markt erzielt werden kann (Wendt, 2002: 42f.). Es wird angenommen, dass individuelles solidarisches Verhalten wenig verlässlich ist und es unter Umständen zu Überforderungen führen könnte. Aufgrund dessen ist Solidarität organisiert und institutionalisiert und durch die staatliche Sozialpolitik reguliert. Solidarität als Funktion des Interessenverhältnis dient dem Bewahren von gemeinsamen Interessen und Erreichen von Zielen, die für den Einzelnen nur schwer realisierbar sind. Darüber hinaus werden wirtschaftliche Entscheidungen anders getroffen als wenn ein einzelner Handelnder rational für sich allein entscheidet (ebd.: 43f.).

Malte Klar sieht solidarisches Handeln als wesentliche psychologische Grundlage, um glücklich zu werden: „Solidarität macht glücklich!" (Klar: 112). Er kritisiert den Mangel einer psychologischen Perspektive Solidarischen Handelns und verbindet so die Darstellung psychischer Bedürfnisse und Solidarische Ökonomie.

Der Neoliberalismus setzt an den individuellen Bedürfnissen nach Selbstbestätigung an und fördert sie. Somit wird ein leistungsbezogener Konkurrenzkampf legitimiert sowie eine Politik der Aktivierung und Eigenverantwortung. Die Solidarische Ökonomie setzt ein Menschenbild voraus, das dieser Annahme widerspricht. Es geht nicht um die Leugnung der Bedürfnisse nach Selbstbestätigung und Selbstverwirklichung, vielmehr geht es um die Verantwortungsübernahme ein gemeinsames Miteinander zu gestalten und so die Grundbedürfnisse der Autonomie, Kompetenz und sozialer Verbundenheit innerhalb dieser Gemeinschaft zu verwirklichen. „Aus diesem Blickwinkel erscheint es umso merkwürdiger, dass unsere heutige Gesellschaft nicht auf dem Prinzip der Gemeinschaftlichkeit basiert, sondern vielmehr auf den diametral entgegengesetzten Prinzipien des Materialismus und der Konkurrenz." (Klar: 114) Solidarität ist keine Ressource, aus der man schöpfen kann, sondern verlangt einen Lern- und Erfahrungsraum und muss gepflegt werden, um als Quelle der Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse zu dienen.

3.5 Verständnis von Arbeit

Einer der Kernpunkte in der Auseinandersetzung mit Solidarischer Ökonomie ist die Forderung nach einem veränderten Verständnis von Arbeit. Die Wertschöpfung in Deutschland erfolgt scheinbar überwiegend durch Lohnarbeit in hierarchischen Arbeitsverhältnissen. Dass die Wertschöpfung allerdings ohne andere Arbeitsformen wie Versorgungsarbeit, meist im familiären Rahmen, Tätigkeit zur Selbstversorgung (Eigenarbeit) oder Ehrenämter und Bürgerschaftliches Engagement gar nicht möglich ist, wird ausgeblendet. Diese „Überlebensstrategien" werden in anderen Kulturen anders akzentuiert und bewertet (Voß, 2008: 62).

Der Arbeitsbegriff wird in der Solidarischen Ökonomie neu definiert. Darüber hinaus erfolgt ein Umdenken bezüglich der Arbeitsinhalte, Arbeitsteilung, Arbeitsbewertung, Arbeitsorganisation und der Gestaltung von Entscheidungsprozessen.

Unter Produktionsarbeit wird die instrumentell gebundene, zielgerichtete, gesellschaftlich nützliche Tätigkeit in Produktion und Dienstleistung verstanden. Reproduktionsarbeit steht für Tätigkeiten jenseits der Lohnarbeit, die zur Erhaltung der menschlichen Arbeitskraft und des menschlichen Lebens notwendig ist. Bisher werden beide Bereiche getrennt betrachtet, Lohnarbeit als Teil des Produktionsbereichs nimmt die vorherrschende Form ein, in der gesellschaftlich notwendige Tätigkeiten verrichtet werden. Lohnarbeit und Arbeit werden gleichgesetzt. Damit wird Reproduktionsarbeit zur Nicht-Arbeit oder „Freizeit" und somit abgewertet (Notz: 82ff). In der Solidarischen Ökonomie werden bezahlte Produktions- und unbezahlte Reproduktionsarbeit gleichermaßen als produktiv gewertet und als zusammengehörend verstanden. „Heute besteht die gesellschaftliche Gesamtarbeit zu Zweidrittel aus unbezahlter und fast immer unbewerteter Arbeit und zu Eindrittel aus bezahlter Arbeit." (Möller/Peters) Die Arbeitsteilung ist nicht-patriarchal, sowohl die bezahlte als auch die unbezahlte Arbeit sind gleichgewichtig unter Männern und Frauen zu teilen. Dies bedeutet nicht, jeder muss jede Arbeit erledigen und können, vielmehr geht es um eine Machtsymmetrie zwischen verschiedenen Arbeitsfeldern, ihrem Ansehen und Einfluss. Die Arbeitsbewertung richtet sich nach neuen nicht-patriarchalen Maßstäben, wie z.B. dem Zeittausch oder dem Grad der Notwendigkeit (ebd.).

„Eine gute Chance durch eigenes Tun humane Formen des Wirtschaftens und Arbeitens durchzusetzen, liegt m.E. in der Umorganisation der unbezahlten Arbeit für ein gemeines Eigenes, statt die unbezahlte Arbeitskraft für Zuarbeit und Reparaturarbeit zum heutigen Markt zu verausgaben. [...] Die Möglichkeiten, mit einem anderen Wirtschaften zu beginnen, sind zudem bei der unbezahlten Arbeit vergleichsweise günstig, weil wir über sie freier verfügen können." (Möller, 2005)

Möller geht dabei von einer Umorganisation auf lokaler Ebene aus, da sie dort gemeinsam vollzogen und die Arbeitsmenge vermindert werden kann (ebd.). Dies findet Anschluss an die Frage nach einer veränderten Arbeitsorganisation. Diese betrifft in erster Linie die unbezahlte Arbeit, die zu einem großen Teil in Kleinfamilien isoliert geleistet wird. Es ist notwendig, diese Arbeit auf größere Einheiten, wie dem Stadtteil oder der lokalen Umgebung zu verlagern. Bei der Neugestaltung der notwendigen Arbeiten für die gemeinsame Selbstversorgung spielt die Gestaltung der Entscheidungsprozesse eine wichtige Rolle. Nach Möller/Peters sollen Entscheidungen grundlegend basisdemokratisch und möglichst konsensual gefällt werden (Vgl. Möller /Peters).

3.6 Feministische Ökonomie

Es gibt verschiedene feministische Ansätze einer anderen Ökonomie. Dazu zählen die „Human Economy" (geprägt durch die Finnin Hillka Pietilä), die Subsistenzwirtschaft, das Vorsorgende Wirtschaften oder Überlegungen zu den sozialen Orten ökonomischen Handelns (in Anlehnung an Mascha Madörin). An dieser Stelle wird kurz auf die Ansätze der Subsistenzwirtschaft und des Vorsorgenden Wirtschaftens eingegangen.

Ziel der Subsistenzwirtschaft11) ist die unmittelbare, nicht über die Warenproduktion vermittelte Herstellung und Erhaltung des Lebens – bezeichnet als Subsistenzproduktion oder Produktion des Lebens. Das Interesse liegt hier bei einem reflexiven Konsumverzicht und der Besinnung auf Kooperation, Solidarität, Würde und Gemeinschaftlichkeit. Des weiteren geht es um eine autark wirtschaftende Region, in der durch Selbstversorgung eine andere Form des Wirtschaftens entwickelt wird. Ausgegangen wird von einem erweiterten Verständnis von Zeit, orientiert an Naturzyklen und Arbeit, als „Einheit von Last und Lust" (Möller, 2001). Das Wirtschaften wird nach den Belangen der Subsistenz ausgerichtet, das heißt am „selbstständig Existieren".

„Vorsorgendes Wirtschaften"12) wird als Weiterentwicklung des „nachhaltigen Wirtschaftens" verstanden und durch die Komponenten Kooperation und soziale Vorsorge erweitert (ebd.). Das zugrunde liegende Menschenbild beruht auf dem Begriff „Sorgen" (caring), Sorgen um andere sowie um folgende Generationen, für sich selbst wie für die natürliche Mitwelt. Sorgende wirtschaftliche Tätigkeiten gibt es, solange Menschen leben und wirtschaften. In der Herausbildung der Marktwirtschaft wurden sorgende Tätigkeiten in die Hauswirtschaft verbannt, und nicht als „Wirtschaften" verstanden. „Gleichzeitig „kümmert" das Prinzip des Sorgens in der Familie vor sich hin. Es wird verbunden mit Gefühl statt Vernunft, Privatheit statt Öffentlichkeit, und es ist durch und durch weiblich. Sorge hat einen ganz geringwertigen Status bekommen [...]." (Biesecker u.a., 1997: 14)

Das Sorgen, als Konstrukt eines weiblichen Prinzips der Familienökonomie, wurde zum Vorsorgenden Handeln weiterentwickelt. Das Vorsorgen als Prinzip für die 'ganze Ökonomie' wurde ergänzt durch Kooperation und die Orientierung am Lebensnotwendigen oder am „guten Leben". Sorgen ist eine soziale Beziehung und integriert die Bedürfnisse aller Beteiligten und ist daher nur als kooperativer Prozess möglich. Was vorsorgendes Handeln konkret heißt, muss im gesellschaftlichen Diskurs entwickelt werden. Sorgen heißt in diesem Sinne, die Bedürfnisse der anderen zum Ausgangspunkt wirtschaftlichen Handelns zu machen. „Sorgen spielt sich immer in einem konkreten Zusammenhang, einem spezifischen Kontext, ab." (Biesecker/Kesting: 169f.) Von großer Bedeutung für das vorsorgende Wirtschaften sind die Bedürfnisse der zu umsorgenden Menschen, aufgrund dessen hat die Bedürfnisdiskussion zentralen Stellenwert.

Solidarisches Wirtschaften bedingt solidarisches Arbeiten, wofür die dargestellten feministischen Ansätze eine bedeutende Auseinandersetzung mit einem einzufordernden Arbeitsverständnis bieten. Es sind scheinbar ausschließlich Frauen, die sich dem „blinden Fleck" (Möller, 2005) in der Ökonomie, der unbezahlten Arbeit oder dem „weiblichen Zwilling der Marktökonomie" (Biesecker/Kesting, 2003), der Versorgungsarbeit, die auch heute noch gern im „Unsichtbaren" gehalten werden, zuwenden.

3.7 Gegenmodelle zum homo oeconomicus

Das Menschenbild der Feministischen Ökonomik, bzw. des Vorsorgenden Wirtschaftens wird als „(Vor-)Sorgendes Selbst im Kontext" bezeichnet, welches rational im Sinne einer praktischen und emotionalen Vernunft durch die Tätigkeit selbst handelt. Die Vorsorge geht über eine pflichtgemäße Verantwortung hinaus, da das Selbst auch aus Mit-Gefühl heraus verantwortlich handelt. Zugrunde liegt dem vorsorgenden Wirtschaften eine „Ethik des Sorgens" (Biesecker/Kesting, 2003: 168ff).

Darüber hinaus soll an dieser Stelle auf das Menschenbild des homo oecologicus und homo cooperativus eingegangen werden.

Das Menschenbild des homo oecologicus ist wenig anthropozentrisch orientiert. Es basiert auf vielfältige philosophische Grundlagen und wird am ehesten mit der Verantwortungsethik in Zusammenhang gebracht. Das ökonomische Handeln spielt sich immer unter Einbezug der Entwicklungsbedingungen der natürlichen Mitwelt ab. Das ko-evolutionäre Handeln ist an Nachhaltigkeit (sustainability) orientiert. Die Rationalitätsvorstellungen wenden sich vom reinen Kosten-Nutzen-Denken des homo oeconomicus ab, als rational wird das angesehen, was der Ko-Evolution dient. Die Ökonomie findet ihren Platz als offenes Subsystem des endlichen und materiell geschlossenen globalen Ökosystems. Fast alle Begrenzungen des homo oeconomicus sind durch den homo oecologicus überwunden: der Mensch ist sozial eingebettet, bezieht sich auf seine natürliche Mitwelt und ist fähig verantwortlich, auch gegenüber zukünftigen Generationen, zu handeln (Biesecker/Kesting, 2003: 164ff).

Das Menschenbild des homo cooperativus ist kein Modell, um wirtschaftliches Handeln von Individuen vorhersagbar zu machen, also nicht streng funktional. Es ist ein Modell kooperativen Verhaltens und zeigt Begründungen für kooperatives Handeln.

Der homo cooperativus zeichnet den Menschen als soziales Wesen, das mit anderen interagiert und übersteigt die individuelle Perspektive des homo oeconomicus. Der homo cooperativus entsteht im Spannungsfeld von Individualität und Sozialität. Der Mensch ist als soziales Wesen mehr als die Antithese des Menschen als Individuum. Das dialektische Verhältnis von Mensch und Welt formt sich in einer andauernden Interaktion. Die zugrunde liegende ethische Vorstellung geht davon aus, dass Menschen ihre Erfüllung als Person allein nicht finden können und sich erst in ihre Umwelt hineinbegeben müssen, womit sich ihr Eigennutz einschränkt. Die Rationalität des homo cooperativus richtet sich nicht nach dem Nutzen, der durch ein Handeln erreicht werden kann, sondern fragt nach dem ethischen Wert, der hinter einer Handlung steht. „Diese Kooperation ist jedoch nicht Mittel zum Zweck der Nutzenmaximierung, sondern Selbstzweck." (Schräder: 72) Das Handeln des homo cooperativus richtet sich nach einer substanziellen Rationalität. Es ist nicht individuell ausgerichtet oder augenblicksbestimmt und unterliegt nicht-materiellen Wertvorstellungen. Die Kooperation ist Weg und Ziel und als Wertgehalt und Wertschöpfung angestrebt. Diese substanzielle Rationalität entspricht dem kategorischen Imperativ von Kant. Außerdem folgt das Modell des homo cooperativus einer emotionalen Rationalität (ebd.: 69ff).

Biesecker und Kesting (180ff) unterscheiden drei Formen von Kooperation, die aus unterschiedlichen Motivationen entstehen. Die strategische Kooperation, verständige Kooperation und die vorsorgende-verantwortliche Kooperation. Gerade die letztgenannte kennzeichnet das Modell des homo cooperativus, der vorsorgend-verantwortlich und altruistisch handelt. Auch Individuen, die am stattfindenden Diskussions- und Entscheidungsprozess nicht beteiligt sind, werden berücksichtigt, dazu gehören auch zukünftige Generationen. Grundlage dieser Einstellung ist die Sozialität als Folge der Bedürfnisse nach Anerkennung, Zuwendung und emotionalen und geistigen Austausches (Schräder: 73f.).

Der Modellcharakter des homo cooperativus muss genauso bewusst sein, wie der des homo oeconomicus. Die egoistischen Anteile am menschlichen Handeln sind anzuerkennen, die Gegenpole von Gegenseitigkeit und Eigennutz machen den Menschen erst aus. Der ethische Anspruch des homo cooperativus ist enorm, soll normativen Charakter haben. „Das bedeutet, dass die folgenden Implikationen bewusst gefordert sind. Sie sind nicht heimlich, wie die Implikationen, die dem homo oeconomicus folgen, wenn er vom Modell der ökonomischen Analyse zum vorherrschenden Menschenbild der Sozialwissenschaften wird. Vielmehr besteht eine dringende Notwendigkeit, wenn man anerkennt, dass Menschen soziale Wesen sind, die auf gelingende Beziehungen, gegenseitige Hilfe und kooperatives Verhalten angewiesen sind." (ebd.:77)

Der homo cooperativus setzt der Konkurrenz die Fähigkeit zur Kooperation entgegen. „Um menschliches Zusammenleben zu ermöglichen, darf nicht zugelassen werden, dass Konkurrenz die einzige anerkannte und geforderte Eigenschaft ist."(ebd.:78) Die daraus folgende Konsequenz ist die Forderung nach alternativen Umgangsformen auf ökonomischer und sozialer Ebene. Der scheinbaren Alternativlosigkeit des herrschenden Wirtschaftssystems mit den Folgen einer vollständigen Orientierung aller Lebensbereiche am Markt soll entgegen gewirkt werden. Solidarität und Kooperation sind wichtige Grundbedürfnisse, die in der Gesellschaft verwirklicht werden müssen. Das Modell des homo cooperativus drückt eine Kritik an der neoliberalen kapitalistischen Wirtschaftsordnung aus. „Daraus ergibt sich als Implikation die Verneinung dieser Wirtschaftsordnung und die Forschung nach Alternativen, die sich dadurch auszeichnen müssen, dass sie dem Menschenbild des homo cooperativus gerecht werden, also seine Entfaltung fördern. Sie sind deshalb gekennzeichnet durch Kooperation, Gemeinschaft, Solidarität, gegenseitige Hilfe und Selbstbestimmung." (ebd.:81) Schräder betont eingehend, dass diese Merkmale einer Alternativökonomie nicht herrschaftlich angeordnet werden können, sondern selbst zu errichten sind (ebd.).

Die Modelle des homo oecologicus und des „(Vor-)Sorgenden Selbst im Kontext" werden innerhalb des Modells homo cooperativus nicht direkt impliziert, aber sie schließen sich auch nicht aus. Aufgrund dessen wird an dieser Stelle eine inhaltliche Verknüpfung der drei Menschenbilder vorgeschlagen, so dass die Werte von Kooperation, Nachhaltigkeit und einem nicht-patriarchalem Vorsorgen verbunden werden. Dies ist als Anspruch an ein Menschenbild Solidarischer Ökonomie zu betrachten.

3.8 Wirtschaftliche Umsetzung

Ziel der kapitalistischen Produktion ist es eine größtmögliche Wertschöpfung zu erreichen. Unter Wertschöpfung wird „die Summe der in einem bestimmten Zeitraum in den einzelnen Wirtschaftsbereichen der Volkswirtschaft hergestellten Güter und Leistungen" verstanden. „In der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wird die Wertschöpfung als Bruttowertschöpfung aus den Bruttoproduktionswerten abzüglich der Vorleistungen der einzelnen Wirtschaftsbereiche berechnet."13) (Lexikon der Bundeszentrale für Politische Bildung)

Die Darstellung der Wertschöpfungskette einer kapitalistischen Produktion erfolgt, in Anlehnung an Marx, durch die Formel (Abb. 11): solidarische-oekonomie-2

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Abbildung 11:
Kaskade der Formel der Wertschöpfungskette (Vgl. Fabricius: 87)

Eine Wertschöpfungskette kann als Verkettung dieser Formel angesehen werden, wobei c jeweils für ein darunter liegendes W=c+v+m steht. Der Terminus 'konstante Kosten c' steht somit für die Vorleistungen der einzelnen Wirtschaftsbereiche.

Die unterste Ebene 'c' steht für die Rohstoffe Boden, Erdöl, Metall, Kohle und die gesamte Infrastruktur und Verkehrswege.

Neu eingesetzt in den Wertschöpfungsprozess wird Arbeitskraft, von der derzeitig auf jeder Ebene der Mehrwert abgezogen wird. „Vom Anfang bis zum Ende der Wertschöpfungskette streitet sich also der Anleger – weil er angeblich c geliefert habe – mit dem Arbeitnehmer (v) um den Anteil (m) am Arbeitsergebnis. Der Konsument jedoch muss alles (W) finanzieren." (Fabricius: 88)

Der Mehrwert „m" wird auf allen Produktionsebenen von den Kapitaleignern oder Anlegern abgezweigt. Mit Solidarischer Ökonomie soll der Mehrwert „m" für die Kapitaleigner gesperrt und auf Infrastruktur, Arbeitsentgelt und Preise nach Bedarf verteilt werden (ebd.: 87ff).

Unabhängig von dem bestehenden System soll ein eigener, nicht profitorientierter Markt aufgebaut werden, fordert Fabricius. Die Wertschöpfungskette ist dann vom Mehrwert befreit (Abb. 12).

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Abbildung 12: Wertschöpfungskette vom Mehrwert befreit (Vgl. Fabricius: 89)

Dazu gehört die Vermeidung von Fremdkapital. Der gesamte Mehrwert kann dann, sofern er nicht für infrastrukturelle Maßnahmen benötigt wird, den Konsumenten und Produzenten in Form von niedrigen Preisen oder höheren Löhnen zukommen. Angestrebt ist ein solidarwirtschaftlicher profitminimierender Produktions- und Distributionsprozess, der dem konventionellen profitmaximierenden Arbeitsprozess gegenübersteht.

Nach Fabricius wird im konventionellen Arbeitsprozess der Bürger in erster Linie als Anbieter seiner Arbeitskraft gesehen. Seinem Lohn werden Steuern, Zinsen und Profite abgezweigt. Auch wenn man den Bürger als Verbraucher, also auf der Nachfrageseite, betrachtet geschieht Ähnliches. Im erworbenen Produkt oder der in Anspruch genommenen Dienstleistung stecken direkte und indirekte Zinsen und Profite der gesamten Produktions- und Distributionsprozesse. Die Gegenstrategie beginnt mit der Entfernung der Zinsen und Profite am Einzelhandel. Die Profitminimierung setzt an der Konsumseite der Wertschöpfungsketten, dem Einzelhandel, an. Es resultiert ein Zusammenschluss von Verbrauchern zum gemeinsamen Einkauf. Je mehr Verbraucher zusammen einkaufen, desto höhere Rabatte können sie aushandeln. Dies kann soweit gehen, dass sie einem Betrieb die Gesamtproduktion abnehmen und den Betrieb übernehmen. Schwerpunkte werden bei der Daseinsvorsorge und bei regionalen Betrieben und Betriebszwiegen gesetzt. Wesentlich ist der Grundgedanke, dass Mehrwert, Profite und Überschüsse in Form von Rabatten, Rückvergütungen und als Solidarkapital gemeinschaftlich verwaltet der Gesellschaft zur Verfügung stehen (Fabricius: 90f.).

Wallimann wendet sich daraufhin der Erläuterung zu, wie eine Föderation von Selbstverwaltungsbetrieben konkret gestaltet werden kann. Hierfür erläutert er die Punkte Mittelabfluss, Mittelzufluss, Kreditschöpfung und sozio-kulturelle Integration wiefolgt (Wallimann, 1998: 61f.):

  1. Wie kann der Mittelabfluss aus der „basisdemokratischen" Förderation ins privatisierte und autoritär geführte Wirtschaftsumfeld verhindert werden?
    Die kooperierenden Unternehmen sollten angehalten sein, ihre Betriebseinkäufe innerhalb des Verbunds zu tätigen. Bedingungen hierfür wären u.a. ein guter Informationsaustausch und Gründungen bedarfsgerechter Betriebe. Darüber hinaus wird angeregt, den Lohn innerhalb der Förderation auszugeben, wozu gerade der Bereich selbstverwalteten Wohnens zählt (genossenschaftlicher Wohnungsbesitz).
  2. Wie kann der Mittelzufluss vom privatisierten und autoritär geführten Wirtschaftsumfeld erhöht werden?
    An dieser Stelle muss nach Wallimann danach gefragt werden, für welche Märkte außerhalb der Kooperative produziert werden kann und wie die Bevölkerung dazu angeregt wird, Produkte und Dienstleistungen aus Solidarischer Ökonomie zu beziehen. Am ehesten werden „Freundeskreise" in den neuen sozialen Bewegungen, den Gewerkschaften oder dem Kleingewerbe zu finden sein. Außerdem wird es zur Aufgabe, Marktnischen ausfindig zu machen.
  3. Wie kann die Kreditschöpfung innerhalb der Förderation maximiert werden?
    Wenn temporäre oder langfristige eigene Überschüsse zusammengeführt werden, entsteht die Möglichkeit Kredite zu schöpfen, das heißt, der Kooperative Geld zur Expansion zur Verfügung zu stellen. Gibt es keine eigenen Kreditinstitute innerhalb der kooperativen Verbindung oder des „Freundeskreises", besteht die Möglichkeit für die einzelnen Projekte sich gegenseitig Kredite zu gewähren. Darüber hinaus gibt es die Option, mit gegenseitigen Bürgschaften die „Kreditfähigkeit" zu erhöhen.
  4. Wie kann die betriebliche und sozio-kulturelle Integration gefördert und nach außen geöffnet werden?
    Betrieblich dezentral gestaltete Kooperativen sind darauf angewiesen, den Zusammenhang und die Loyalität unter den Betrieben zu fördern. Es entspricht dem Kerngedanken, bei Erreichen eines „gewissen Wohlstandes" die Kooperative nicht zu verlassen, „also die Gewinne zu privatisieren". Die basisdemokratische Kontrolle über Eigenkapital und Gewinne in den Betrieben gewährleistet dies.

Um eine politische Identität zu erlangen, muss sich die Solidarische Ökonomie strategisch von den sogenannten „Gegnern" abgrenzen. Es müssen politische Strategien entwickelt werden, wie international mobiles Kapital im Sinne solidarökonomisch genutzt werden kann. Dazu zählt die Übernahme gewisser Produktions- und Dienstleistungsbereiche, das Vermeiden eines lokalen Gewinnverlusts und die Forderung einer veränderten Wirtschaftsordnung auch außerhalb der Strukturen Solidarischer Ökonomie. Umzusetzen sind diese strategischen Forderungen durch die Entwicklung neuer sozialer Bewegungen, die die Notwendigkeit einer selbstbestimmten Existenzsicherung wahrnehmen und den Umbau zu einer nachhaltigen und solidarischen Gesellschaft auf regionaler Grundlage voranbringen, insofern die vorauszusetzende Ressourcen vorhanden sind (ebd.: 66f.).

3.9 Politische Rahmenbedingungen

Solidarisches Wirtschaften ist eine Gratwanderung zwischen Utopie und Marktwirtschaft, die sich als Alternative zur autoritären Hierarchie darstellt und kooperative Kompetenzen erfordert, die „nicht von selbst aus gutem Willen" entstehen, sondern erlernt werden. Solidarische Ökonomie funktioniert zwar ohne Profitorientierung, aber nicht ohne wirtschaftlichen Erfolg. Sie muss eigene Kriterien für wirtschaftlichen Erfolg entwickeln, da sie als Non-Profit-Organisation sonst am „offenen Tropf" hänge und erpressbar wird. Auch diese betriebswirtschaftlichen Kompetenzen sind erlernbar und nicht von vornherein gegeben. In Deutschland sind im Unterschied zu anderen Ländern Unterstützungsstrukturen, die helfen könnten, Verbündete zu finden, Erfahrungen zu nutzen und zu kommunizieren noch zu schwach oder neuen Bedürfnissen ungenügend angepasst (Cavallaro: 191). Italien ist ein gutes Beispiel für weit entwickelte Strukturen in sämtlichen Bereichen des Wirtschafts- und Soziallebens. Zur italienischen Kooperativbewegung zählen heute 70.000 Genossenschaften. Unterstützungsstrukturen der italienischen Kooperativen sind durch Verbände, Konsortien und Finanzierungsfonds gekennzeichnet. Nationale Genossenschaftsverbände, Branchenverbände, regionale, provinziale und lokale Untergliederungen sorgen sich um Werbung, politisches Lobbying, Teilnahme an Tarifverhandlungen etc. Zur Vernetzung der Genossenschaften tragen die Konsortien bei. Durch gemeinsame Einrichtungen, eigene Dienstleistungen oder Großeinkauf entstehen Vorteile wie bei einer großen Organisation und bewahren trotzdem den lokalen Bezug. Die Finanzierungsfonds helfen bei Genossenschaftsneugründungen und -erweiterungen. In Italien werden sie finanziert aus dem staatlichen Wirtschaftsförderungsprogramm zur Schaffung von Arbeitsplätzen durch Genossenschaften und aus den Verbänden (Cavallaro: 190ff).

Eine beispiellose Gesetzgebung als Unterstützungsstruktur solidarischer Organisationen ist das Marco Gesetz in Italien von 1985. Es geht konkret darum, entlassenen ArbeiterInnen bei dem Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu helfen, indem sie insolvente oder marode Betriebe in Arbeitergenossenschaften umwandeln. Dabei wird den sich dazu bereit erklärenden ArbeiterInnen eine Pauschale ausgezahlt, die der dreijährigen Arbeitslosenunterstützung entspricht. „Der Staat investiert in einem begrenzten Zeitraum von fünf bis zehn Jahren durch CFI-Risikokapital14) in das Unternehmen im Verhältnis zu der Summe, die jedeR ArbeiterIn bereit ist, in die neue Genossenschaft zu investieren." (Roelants: 200)

Eine weitere zu fördernde politische Maßnahme ist die Unterstützung von Partnerschaften zwischen Städten/Regionen und Solidarischer Ökonomie. Die Zielsetzung hierfür übertreffen bisherige Wirkungen durch Öffentlich-Private-Partnerschaften (Private-Public-Partnership [PPP]). „Sozial- und Solidarwirtschaft liefert bedeutende Ressourcen, auf die Kommunen in etlichen EU-Mitgliedsstaaten mehr und mehr zurückgreifen. Diese Kommunen sind sich in der Tatsache bewusst, dass die strukturelle Veränderungen der letzten Jahrzehnte eine neue Art nicht nur von global, sondern auch von local governance notwendig machen." (Klaer: 203). In dieser Rolle als bedeutsam zu nennen sind der Verein zur Förderung der „Sozial- und Solidarwirtschaft" in Nantes oder Partnerschaftsvereinbarung zwischen der Region Andalusien, Gewerkschaften und CEPES15) Andalusien (ebd.).

3.10 Bedingungen und Förderung Solidarischer Ökonomie

Im Anschluss an den Kongress „Wie wollen wir wirtschaften? Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus" (2006) haben die Herausgeber der dazugehörigen Dokumentation, Dagmar Embshoff und Sven Giegold, Alternativen zur Förderung Solidarischer Ökonomie zusammengestellt, die hier kurz skizziert werden (Embshoff/Giegold: 228ff).

  • Abbau von Subventionen für den „unsolidarischen Sektor" (die Abschaffung der einseitigen Subventionierung des kapitalistischen Sektors wird gefordert)
    • ökologische und soziale Kosten ökonomischen Handelns müssen internalisiert werden
    • bisher Förderung des privaten Eigenheimbaus und -erwerb statt genossenschaftlichen und sozialem Wohnungsbau
  • Diskriminierung von Selbstorganisation beenden (die genossenschaftliche Rechtsform ist durch hohe Gründungs-, Prüfungs- und Prüfungsverbandskosten diskriminiert)
  • Angriffe auf den solidarischen Sektor abwehren (auf europäischer Ebene werden Maßnahmen geplant und durchgeführt, die eine Schlechterstellung von Genossenschaften und sozialen Betrieben resultiert, bspw. wurde das italienische Marco-Gesetz abgeschwächt)
  • Regionalgeldinitiativen bedroht von der Bundesbank
  • Größe und Bedeutung des Sektors der Solidarischen Ökonomie sichtbar machen
  • Sozial-ökologische Auflagen bei der Vergabe öffentlicher Aufträge
  • Belegschaftsübernahmen
  • Privatisierung öffentlichen Eigentum nur als Übernahme durch NutzerInnen gewähren
  • veränderte Leitbilder in der Arbeitsmarktpolitik und Wirtschaftsförderung (bisher orientiert am Bild des selbstständigen, männlichen Unternehmers mittleren Alters und weißer Hautfarbe)
  • öffentliche Finanzierungsprogramme stärken (Bsp. KfW)
  • Entwicklungsagenturen für Genossenschaften stärken
  • Aus- und Weiterbildungsangebote für Solidarische Ökonomie stärken
  • Nationale Regierungssekretariate einrichten (Bsp. Frankreich, Brasilien)
  • Absicherung der Genossenschaften in der Verfassung
  • Eigene Strukturen schaffen
    • Förderung durch Gewerkschaften und soziale Bewegungen
    • Schlagkräftige, aktive und sichtbare Vertretung der Solidarischen Ökonomie
    • Finanzielle Solidarität im Sektor

3.11 Solidarische Ökonomie als Soziale Bewegung und gestaltende Sozialpolitik

Der Kampf um Solidarität prägt soziale Bewegungen und kann sich auf den homo cooperativus berufen. Die Denkfigur homo cooperativus kann auch als Menschbild Sozialer Arbeit verstanden werden. „Insofern ist die Soziale Arbeit aufgefordert, sich zur bestehenden Konkurrenzlogik zu positionieren." (Schräder.: 108) Der Kampf um Menschlichkeit kann als Widerstand verstanden werden, im Sinne Paulo Freire ist es der Kampf der Unterdrückten um Solidarität und Gemeinschaft. Dieser Kampf steht der Konkurrenzlogik entgegen und wirkt emanzipatorisch.

Humanität als Entwicklungsziel für Mensch und Gesellschaft ist nicht auf schnellem Wege zu verwirklichen, da es von den Betroffenen selbst getragen werden muss. „Menschen, die von einer konkurrenzdominierten Ökonomie und Kultur durchdrungen sind, werden nicht von heute auf morgen zum verantwortlichen Kooperativmitglied und Menschen, deren Leben von Entbehrungen und existenziellen Nöten geprägt ist, haben langfristiges Denken und Planen, eine Voraussetzung für kooperatives Wirtschaften, nie ausbilden können." (Elsen, 1998: 73)

Soziale Bewegungen werden als kollektive Aktivitäten von einer gewissen Dauer verstanden, die auf eine mehr oder weniger tiefgreifende Veränderung der Gesellschaft oder deren Verhinderungen abzielen und sich dabei überwiegend nicht-institutionalisierten politischen Formen und Einflusschancen bedienen. Sie grenzen sich von individuellem Handeln durch die Ausbildung eines kollektiven Wir-Gefühls ab, das durch gemeinsames Agieren geprägt ist. Soziale Bewegungen fordern die soziokulturellen Normen und Lebensweisen der Mehrheitsgesellschaft heraus und versuchen, alternative Orientierungen auch praktisch zu leben. Es besteht eine besondere Nähe zwischen Sozialen Berufen, Sozialpolitik und sozialen Bewegungen. Durch die Zunahme an Pluralität sozialer Probleme, hat auch die Pluralität sozialer Bewegungen zugenommen. Es werden klassische soziale Bewegungen, wie die Arbeiterbewegung und neue soziale Bewegungen, die überwiegend kulturorientiert wirken, unterschieden (Roth, 2001: 1668ff).

Soziale Bewegungen sind als wichtige Kraft der Zivilgesellschaft zu betrachten, die begrenzend und gestaltende Funktion einnehmen jenseits staatlicher Politik und kapitalistischer Ökonomie. Es bilden sich neue Formen sozialökonomischer Selbstorganisation gegen Enteignung und Privatisierung und für die Sicherung von Existenzgrundlagen heraus. Es stellt sich als ein Kampf um grundlegende Bürgerrechte sozialer, politischer, kultureller und ökonomischer Teilhabe dar (Elsen, 2007b: 51f.).

Die Herausbildung sozialökonomischer Selbstorganisationen ist als Form sozialer Bewegungen zu verstehen und nimmt aufgrund dessen eine gesellschaftspolitische Dimension an. „Sozialökonomische Selbsthilfe ist immer politisch." (Elsen, 2007b: 51) Von Bedeutung ist die Selbsttätigkeit der Menschen, die ihre begrenzten Kräfte in assoziativen Formen bündeln und durch Kooperationen den Zugang zu den eigenen und gemeinsamen Lebensgrundlagen nachhaltig sichern. Die neuen sozialen Bewegungen haben identitätsstiftenden Charakter und verlangen nach einem sozialen Wandel. Die Formierung sozialer Bewegungen bildet das aktuelle Konfliktfeld gestaltender Sozialpolitik (ebd.: 49ff). Die Gemeinwesenökonomie stellt ebenso eine Option einer zukunftsfähigen Sozialpolitik dar, indem sie sich den genuinen Aufgaben einer Sozialpolitik widmet: Existenzsicherung, soziale Integration und Emanzipation Benachteiligter, mit dem Ziel der Erhaltung der Lebensgrundlagen im Gemeinwesen (Elsen, 2007a: 37f.).

„Maßstab gestaltender Sozialpolitik wäre heute eine Weiterentwicklung in Richtung voller gesellschaftlicher Teilhabe auf der Basis der Möglichkeiten der entfalteten Produktivkräfte, die weltweit wirksame Begrenzung der Übergriffe des Marktes und die Förderung bürgerschaftlicher Selbstorganisationen in allen relevanten gesellschaftlichen Bereichen." (Elsen, 2007b: 52) Dieser Anspruch richtet sich gegen die derzeitige Ausführung aktivierender sozialstaatlicher Maßnahmen, die sich nur auf die Herstellung von Arbeitsbereitschaft ausgelegt ist. Es geht um eine strukturelle Regulierung gegen die Reproduktion bekannter Muster von Unterversorgung, Ausschließung und Repressionen. Der Hauptansatzpunkt soll nach wie vor die Arbeitslosigkeit sein, aber ihr entgegen zu wirken ist durch die Förderung kollektiver Selbstorganisation und sozialen Bewegungen. Das widerspricht dem methodologischen Individualismus des Neoliberalismus, wodurch sich bisher sozialstaatliche Maßnahmen auf individuelle Absicherungen, Selbstvorsorge und Aneignung beziehen und kollektive Selbstorganisation tendenziell verhindert wird. Elsen beschreibt grundlegende Prämissen einer Gemeinwesenarbeit als gestaltende Sozialpolitik (ebd.:52ff):

  1. Verteidigung sozialer und ökologischer Lebensinteressen und Stellung über Eigentumsinteressen
  2. Ermöglichung sozialproduktiver Teilhabe durch selbstorganisierte und gemeinschaftlich Aktivitäten sowie Teilhabe an sozialen Beziehungen in allen relevanten gesellschaftlichen Bereichen
  3. das Soziale ist integraler Bestandteil sozialökonomischer Lösungen
  4. Lösung öffentlicher Aufgaben in pluralen und demokratischen Formen effektiv und synergetisch
  5. Soziale Kommunalpolitik nutzt materielle Ressourcen und Sozialkapital in sozialproduktiver Weise
  6. Eröffnung von Lernmöglichkeiten und Möglichkeitsräumen für neue Ansätze gesellschaftlicher Problemlösung
  7. Orientierung an pluraler Ökonomie zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse
  8. Entlastung betroffener Menschen vor erpressenden Existenznöten durch garantierte Grundsicherung

 

Voraussetzung einer kollektiven Handlungsfähigkeit ist die Erfahrung und Reflexion gleicher Betroffenheitslagen. Sozial eingebundene Ökonomien als realisierte Gegenentwürfe sind „Teil einer neuen sozialen Politik von unten, die trotz heftiger Widerstände auf längere Dauer sozialen Wandel zeitigen wird." (ebd.:56)

3.12 Kritik und Grenzen Solidarischer Ökonomie: Das Richtige im Falschen?

Bei einer so großen Verständnisvielfalt Solidarischer Ökonomie ist es schwierig einzelne konkrete Kritikpunkte aufzuzählen, da sie möglicherweise auf die eine Form Solidarischer Ökonomie zutreffen, auf andere nicht. Deswegen sind die im Folgenden genannten Punkte als mögliche Risiken zu verstehen, für die AkteuerInnen Solidarischer Ökonomie sensibilisiert sein sollten.

Rolf Schwendter (1979) benennt Kriterien, durch die selbstverwaltete Projekte alternativer Ökonomien nach wie vor an die bestehende Ökonomie geknüpft sind (Vgl. Schwendter in Klöck, 1998. 17):

  • Waren sind noch immer an ihren Tauschwert gebunden und Produkte warenförmig, unabhängig ob sie für den monetären Markt oder Tauschbörsen produziert werden
  • die Reproduktion um das Existenzminimum (Ökonomie der Armut) führt zu vielfältigen Überschneidungen, Übergängen und individuellen Bezügen zum System der sozialen Sicherung
  • Bewältigungsprozesse von biographischen Brüchen verlaufen nach wie vor unterschiedlich im Geschlechterverhältnis
  • das Problem der Akkumulation führt dazu, dass unbezahlte Arbeit extensiv eingesetzt und Erträge organisiert werden müssen
  • geschlossene Wirtschaftskreisläufe sind nicht möglich, weshalb Marktbeziehungen im Wirtschaftssystem eingegangen werden müssen
  • häufig ist die Arbeit in alternativen Ökonomien auch Lohnarbeit, insofern Erwerbsquellen vorhanden sind und setzt damit auch Schattenarbeit (Haus- und Eigenarbeit) voraus

Auftretende projektbezogene Schwierigkeiten sind geringe Wachstums- und Innovationsgeschwindigkeiten der Kooperativen durch geringes ökonomisches Kapital. Sie stehen der Herausforderung gegenüber „an Kapital zu kommen, ohne kapitalistisch zu werden." Des weiteren sind kooperative Zusammenschlüsse häufig von sozialen und gruppendynamischen Anstrengungen gezeichnet. Es besteht die Gefahr einer Handlungsunfähigkeit aufgrund der Überforderung durch die Arbeit und eigenen ethischen Ansprüchen (Giegold/Embshoff16)).

Zu eher gesellschaftspolitischen Gefahren einer Solidarischen Ökonomie äußert sich Klöck (1998: 23). Er warnt vor einer Instrumentalisierung der Umsetzung solidarökonomischer Formen als „top-down" organisierten Beschäftigungsmaßnahmen ohne Empowermenteffekt. Die soziale Verantwortung wird dem Dritten Sektor übergestülpt und die Privatwirtschaft kann sozial entlastet profitorientierten Tätigkeiten nachgehen, zudem der öffentliche Sektor dereguliert und degeneriert wird. „Als Selbstverwaltung der Armut und Reprivatisierung sozialer Reproduktionsrisiken und deren Legitimation zum Abbau sozialstaatlicher Leistungen." (ebd.) Des weiteren sieht Klöck die Gefahr der Terminierung „als Projekte für Recycling und soziale Entgiftung des „Wohlstandsmülls", das heißt überflüssiger Gegenstände und auch Personen und deren Selektion nach Leistungsfähigkeit [...]."(ebd.) Solidarische Ökonomie unterliegt dem Risiko, als Pädagogisierung von Beschäftigung für Arme und Ausgegrenzte zu wirken und damit die Sicherung der sozialen Kontrolle durch die Anbindung an ihr soziales Umfeld zu fördern.

Möller und Peters treffen den Kern der Konfliktlinien Solidarischen Ökonomie mit folgenden grundlegenden gesellschaftskritischen wie moralischen Fragestellungen (Möller/Peters):

  1. Bringt der Ausbau einer Teilselbstversorgung dem Kapital nicht genau die Entlastung, die es braucht, um seine prekären Arbeitsverhältnisse mit gutem Gewissen weiter auszubauen? Dient dem Staat die Teilversorgung nicht genau dazu Sozialleistungen abzubauen? Gibt es etwas Richtiges im Falschen?
  2. Müssen wir uns entscheiden, ob wir für bessere Arbeitsbedingungen auf dem Erwerbsarbeitsmarkt kämpfen oder unsere Arbeitskraft für ein anderes Wirtschaften und Arbeiten einsetzen, oder kann eine einzelne Person beides leisten?

Nach Scholz ist der Ansatz Solidarischer Ökonomien prinzipiell gut, nur nicht weitreichend genug. Die sich seit langem auswirkende „gigantische" gesellschaftliche und ökonomische Krise zeige den Verfall des Kapitalismus, deswegen sei davon auszugehen, dass solidarische Wirtschaftsformen von selbst aufkommen würden. Als aus der Not und Mangel heraus entwickelt, ist die Solidarische Ökonomie nicht als Ansatz einer Emanzipation zu verstehen und dient so nicht als Grundlage einer weiterführenden Gesellschaftskritik. Die Inhalte Solidarischer Ökonomien drohen zu kurz gedacht zu sein, wenn zwar ein Prozess im gemeinschaftlichen Rahmen von unten begonnen wird, aber übergreifende Gesichtspunkte unberücksichtigt bleiben und für eine neue Gesellschaft das Grundbild vereinfachen. Scholz fordert ein Weiterdenken über neue Reproduktionsformen und sieht weiterführende Überlegungen einer gesellschaftlichen Planung als notwendig an. Wenn es eine ernsthafte Kritik am Bestehenden geben soll, darf eine Vorstellung wie die Gesellschaft aus emanzipatorischer Perspektive aussehen und gestaltet werden soll, nicht innerhalb des beschränkten Rahmen des Partikularen, in dem einer kleineren Einheit Vorzug gegeben wird, verbleiben (Scholz, 200917)).

„Sich mit dem Pathos zu begnügen, gegen den kapitalistischen Strom zu schwimmen, ist blanker Zynismus, da die Menschheit eigentlich in der Lage wäre, ganze Ströme umzulenken oder mit Staudämmen zu bändigen." (Uhl, 2009)


4 Fazit

Nachdem im vorangegangenen Kapitel zunächst der Versuch unternommen wurde, eine Entwirrung in die Begriffsvielfalt Alternativer Ökonomie zu bringen, ging es im Folgenden darum, die derzeitige Bedeutung 'Sozialer Ökonomie' bzw. des Dritten Sektors darzustellen und seine Entwicklungslinien abzuzeichnen. Der Dritte Sektor wächst im Vergleich zur Volkswirtschaft durchschnittlich stärker und verzeichnete über einen langen Zeitraum einen höheren Zuwachs an Arbeitsplätzen als andere Teilbereiche des wirtschaftlichen Sektors. Inzwischen stagniert die Zahl der Arbeitsplätze im Dritten Sektor, die vermehrt durch atypische Beschäftigungsverhältnisse gekennzeichnet sind und sich die Entwicklung des Drittens Sektors zum Niedriglohnsektor bedrohlich aufzeigt. Die Integrationsfähigkeit von sonst auf dem Arbeitsmarkt benachteiligten Menschen sowie die zivilgesellschaftliche Relevanz des Dritten Sektors sind markant und spiegeln sich konkret in der Umsetzung in Sozialen Unternehmen wider. Der Dritte Sektor gilt als Hoffnungsträger auf vielfältiger Ebene, doch scheint sich durch diese Formen der Sozialen Ökonomie kein nachhaltig verändertes Wirtschaften zu entwickeln. Zum einen entfaltet sich eine ausgeprägte Ökonomisierung des Dritten Sektors, d.h. die Ziele sozialen Wirtschaftens richtet sich immer weniger an der Entwicklung Sozialen Kapitals aus sondern unterliegen weitgehend dem kapitalistischen Kosten-Nutzen-Kalkül oder der sich aus Kapitalismuslogik ergebender Standortoptimierung. Zum anderen besteht die Gefahr, ein politisches System zu legitimieren, das zur Lösung sozialer Probleme nicht mehr in der Lage ist und demzufolge Verantwortung „abwälzt". Die Entwicklung des Dritten Sektors ist bedeutend, doch unter derzeitigen Bedingungen und Funktionszuschreibungen eher ein kurzweiliges Auffangbecken für von Armut und Ausgrenzung Betroffene ohne bei der Bewältigung ihrer Ursachen anzusetzen.

Das Verständnis von Solidarischer Ökonomie ist weitreichender und setzt bei einem veränderten Menschenbild und Verständnis von Arbeit an, orientiert an den Bedürfnissen von Individuen und Gemeinwesen sowie einer ökologischen Nachhaltigkeit. Es wird davon ausgegangen, dass ein solidarökonomisches Wirtschaften nicht ohne Machtverschiebungs- und Umverteilungsprozesse, also Konflikten, stattfinden kann. Dies kann nur durch einen gesamtgesellschaftlichen kontinuierlichen Diskurs ermöglicht werden. Während derzeit die Wertschöpfung in Deutschland scheinbar überwiegend durch Lohnarbeit erfolgt, betrachtet die Solidarische Ökonomie bezahlte Produktionsarbeit und unbezahlte Reproduktionsarbeit als gleichermaßen „produktiv" und zusammengehörend. Gerade dieser Aspekt müsste auch Thema eines progressiven Dritten Sektors sein, da er zwei- bis dreimal so viele ehrenamtliche und freiwillige Mitarbeiter aufweist, deren Arbeit in der Wertschöpfungskette keine Berücksichtigung findet (Zimmer/Priller, 2004: 59).

Formen Solidarischer Ökonomien entstanden bisher vermehrt in Krisenzeiten als „Kinder der Not". Derzeit wird das Wort 'Krise' großgeschrieben. Der Finanzmarktcrash im Oktober 2008 verschärfte das, was sich über Jahre anbahnte. Die Existenzsicherung durch Arbeit ist gefährdet, so dass ein zunehmender Anteil an Menschen von Armut und Ausgrenzung betroffen ist18). Die Gesundheitsversorgung steht immer mehr unter dem Stern der Privatisierung und fördert eine „Zwei-Klassen-Medizin"19), die durch die Umstrukturierung der Krankenkassen zudem auf Kosten der Arbeitnehmer stattfinden soll20). Auch das Bildungssystem forciert nach wie vor herkunftsabhängige und milieubezogene Chancen, wobei diese bildungsspezifische Selektion durch die Ökonomisierung des Bildungssystems, verstärkt wird21). Das sind einige der unzähligen Anzeichen für eine bestehende wirtschaftliche und soziale Krise. Nach Novy wird erst dann in Krisensituationen zu selbstverwalteten und -organisierten solidarischen Instrumenten gegriffen, wenn herkömmliche politische und gewerkschaftliche Maßnahmen nicht mehr greifen. Zur Bestätigung dieser Bedingung dient das Beispiel der Haltung von Gewerkschaften zum Thema Leiharbeit. Während auf den ersten Blick die Gewerkschaften (von IG-Metall über ver.di) die Zustände der Leiharbeit in Deutschland beklagen, verursachten bzw. verstärkten sie deren schlechte Bedingungen, als sie die Aufhebung des Grundsatzes der „gleichen Bezahlung und Behandlung von Leiharbeitern und „normal" Angestellten" (equal pay – equal treatment) vom 1.1.2004 durch die Aushandlung von Tarifverträgen mit den Verbänden der Leiharbeit (BZA/iGZ) befürworteten und mit veranlassten22). Damit droht die gleiche Bezahlung und Behandlung durch „Verschlechterungstarifverträge" außer Kraft gesetzt und verhindert zu werden. Dies soll als ein Beispiel dienen, wie sehr neoliberale Denkstrukturen in herkömmlichen Institutionen zur Vertretung und Förderung gerechter Arbeits- und somit auch Lebensbedingungen ausgeprägt sind. Es scheint plausibel, dass Menschen, aus der Not heraus, gezwungen werden, sich in Eigeninitiative und autonom um ihre Existenzsicherung und Lebensbewältigung zu kümmern und sich aufgrund ideeller und effizienter Gründe in Kooperativen zusammenschließen und selbst organisieren. Derartige Entwicklungen erfordern einen langen gesellschaftlichen Lernbedarf und werden nicht aus dem Nichts geboren. Zu den Aufgaben der Sozialen Arbeit zählt es in diesem Zusammenhang, notwendige Strukturen und Ressourcen für die Herausbildung kollektiver Handlungsfähigkeit aufzuspüren und ökonomische Selbsthilfe zu initiieren (Elsen, 1997: 204ff). Die Soziale Arbeit muss sich positionieren lernen. Es kristallisiert sich immer deutlicher die Frage heraus, ob sie als Unterstützer einer staatlichen Aktivierungspolitik dienen möchte oder sich den Aufgaben von Sozialpolitik mit dem Ziel der Bedürfnisbefriedigung, u.a. mithilfe der Förderung von ökonomischer Selbstorganisation, stellt.

Auch das Bestehen Solidarischen Wirtschaftens ist abhängig von Erfolg, nur ist dieser anders definiert als eine maximale Kosten-Nutzen-Optimierung. Die Umsetzung solidarischer Wirtschaftsformen unterliegt politischen Bedingungen, die derzeit alternativen Wirtschaftsformen nur in begrenztem Maße positiv gesonnen sind. Wenn Solidarische Ökonomie durchsetzungsfähigen Charakter haben soll, verlangt es auch Engagement für die Analyse und Forderungen veränderter politischer Bedingungen solidarischen Wirtschaftens. Werden die Bedingungen nicht verändert, sind die Akteure Solidarischen Wirtschaftens in ihrem Aktionismus und ideellem Tatendrang schnell erschöpft, da ihre Projekte nach herkömmlichen wirtschaftliche Kriterien kaum haltbar sind und ihr Anspruch auf Nachhaltigkeit durch die Überlegungen, ob es „etwas Richtiges im Falschen"23) geben kann, verloren geht.


5 Fußnoten 

  1. Statistisches Amt der Europäischen Gemeinschaften (Hg.): Ein statistisches Profil der Sozialwirtschaft und ihrer Organisationen in der Europäischen Gemeinschaft. Zitiert in Jung/Schäfer/Seibel (1997): 13
  2. CIREC - Country Information & Research Centre, eine NPO, die sich für die Einführung von Standards für die Beschaffung, Verbreitung und Verwendung von Herkunftsländerinformationen einsetzt.
  3. Das IAB-Betriebspanel ist eine repräsentative Arbeitgeberbefragung.
  4. Vgl. NETS-Studie von Betzelt/Bauer: Betzelt, Sigrid/Rudolf Bauer (2000): Nonprofit-Organisationen als Arbeitgeber, Opladen
  5. Als Agglomeration bezeichnet man die Tendenz zur räumlichen Zusammenballung von Unternehmen, Betrieben und/oder Haushalten an einem Standort. Ziel bewusst herbeigeführter Agglomerationen ist in der Regel die Erhöhung der Standortattraktivität zur Gewinnung eines größeren Einzugsgebietes, um das Absatzpotenzial zu steigern (Vgl. http://www.wirtschaftslexikon24.net/d/agglomeration/agglomeration.htm, Datum der Einsichtnahme: 3.10.2009)
  6. Implizites Wissen, i.S.v. „sein Wissen steckt implizit in seinem Können"
  7. Von Hypostase: Verdinglichung/Vergegenständlichung oder Personifizierung göttlicher Eigenschaften oder religiöser Vorstellungen
  8. Deutsches Institut für Urbanistik: Strategien für die Soziale Stadt (Juni 2003), Abrufbar unter: http://edoc.difu.de/edoc.php?id=8O2GWIQ7 (Datum der Einsichtnahme: 5.10.2009)
  9. Eine weiterführende Empfehlung zu Freier Software: Siefkes Stefan (2008): Beitragen statt Tauschen – Materielle Produktion nach dem Modell Freier Software. Abrufbar unter: http://peerconomy.org/text/peer-oekonomie.pdf, Datum der Einsichtnahme: 6.10.2009
  10. Abrufbar unter: http://www1.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=4XMSQC, Datum der Einsichtnahme: 8.10.2009
  11. Die Subsistenzwirtschaft ist als „Bielefelder Ansatz" bekannt und wurde seit den 80er Jahren von Veronika Bennholdt-Thomsen, Maria Mies und Claudia von Werlhof entwickelt und erarbeiteten bestimmte Grundhaltungen, die für ein „öko-feministisches Wirtschaften" notwendige Voraussetzungen sind.
  12. Der Begriff des „vorsorgenden Wirtschaftens" stammt aus den 90er Jahren von der Gruppe Christiane Busch-Lüty, Maren Jochimsen, Ulrike Knobloch, Irmi Seidl und Adelheid Biesecker.
  13. Abrufbar unter: http://www1.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=MLRC8T, Datum der Einsichtnahme 6.10.2009
  14. CFI (Cooperative Financial Institutions) steht für eine Finanzgenossenschaft
  15. CEPES - Confederación Empresarial Española de la Economía Social: spanischer Verband der Sozialwirtschaft
  16. Vgl. Präsentation von Giegold/Embshoff (2008a): Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus. Abrufbar unter: http://www.solidarische-oekonomie.de/uploads/files/S%C3%96%20im%20globalisierten%20Kapitalismus_2008-Idee-Chancen&Grenzen,%20Rahmenbed_-Projekte.ppt (Datum der Einsichtnahme: 29.11.2009)
  17. Grundlage ist ein Interview mit Roswitha Scholz während des „Kongress für eine solidarische Ökonomie" in Wien im Februar 2009, abrufbar unter: http://www.oase-magazin.de/?p=209, Datum der Einsichtnahme: 11.10.2009
  18. „Wirtschaftskrise bringt größere Armut", abrufbar unter: http://www.caritas.de/60896.html (Datum der Einsichtnahme: 15.10.2009)
  19. „Zwei-Klassen-Medizin längst Realität", abrufbar unter: http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/38055/Zwei-Klassen-Medizin_laengst_Realitaet.htm (Datum der Einsichtnahme: 15.10.2009); „"Zwei-Klassen-Medizin" oder nicht?", abrufbar unter: http://www.tagesschau.de/inland/kassenpatienten4.html (Datum der Einsichtnahme: 15.10.2009)
  20. Artikel der Süddeutschen Zeitung „Arbeitnehmer, bitte zahlen" vom 12.10.2009, abrufbar unter: http://www.sueddeutsche.de/finanzen/366/490739/text/ (Datum der Einsichtnahme: 15.10.2009); Die Welt: http://www.welt.de/politik/bundestagswahl/article4847689/Unionsfraktion-will-hoehere-Beitraege-fuer-Versicherte.html (Datum der Einsichtnahme: 15.10.2009)
  21. Soziale Herkunft und Bildung im Spiegel neuerer Studien, abrufbar unter: www.boeckler.de/pdf/pm_stufoe_bab_2008_01_23_klemm.pdf (Datum der Einsichtnahme: 15.10.2009); „Bildung und Herkunft", abrufbar unter: http://www1.bpb.de/publikationen/65TIEL,0,Bildung_und_Herkunft.html (Datum der Einsichtnahme: 15.10.2009)
  22. „Equal Pay und Equal Treatment", abrufbar unter: http://www.zeitarbeit-und-recht.de/tce/frame/main/674.htm (Datum der Einsichtnahme: 15.10.2009)
  23. In Anlehnung an Theodor W. Adornos Diktum „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen" (Minima Moralia, 1951)