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| Die Politik beginnt bei den Leuten! Organizing im Stile der "Industrial Areas Foundation" |
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| Marion Mohrlok |
| (05. 09. 2001) |
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Dieser Artikel ist eine überarbeitete Fassung des Aufsatzes "Forward to the roots... Community Organizing in den USA - eine Perspektive für Deutschland?"; Brennpunkt-Dokumentationen zu Selbsthilfe und Bürgerengagement Nr. 29, Forum für Community Organizing/Stiftung Mitarbeit Bei Fragen zum Text bzw. Anfragen zu Vorträgen oder Seminaren wenden Sie sich bitte an: Inhalt:
Die Industrial Areas Foundation - Alinsky's legendäre HinterlassenschaftDie Industrial Areas Foundation (IAF), 1940 von Saul D. Alinsky in Chicago gegründet, ist heute die älteste und grösste Institution für Community Organizing in den USA - und, wie deren derzeitiger Geschäftsführer und Nachfolger Alinsky's, Ed Chambers, spassig, aber mit doch ernsthaft arrogantem Unterton meint: auch die Beste! "We are the Mercedes Benz of Organizing" ließ er uns wissen, als wir ihn im Oktober 1995 in seinem erst vor kurzem neu bezogenen IAF-Hauptquartier in Chicago aufsuchten. IAF ist ein Trainingsinstitut für deren hauptamtliche OrganizerInnen und deren ehrenamtliche Leitungsebenen (Leader, s.u.). Dreimal jährlich finden 10-tägige nationale Trainings statt, zu denen die Mitgliedsorganisationen ihre Leader schicken. Voraussetzung für die Teilnahme ist eine kurze schriftliche Abhandlung des jeweiligen Organizers über die TeilnehmerInnen, die er beim Training haben will und warum! Jemand, der/die nicht in einer IAF-Mitgliedsorganisation arbeitet, wird nur in Ausnahmefällen zugelassen. Pro Training sind es ca. 100 TeilnehmerInnen. Die Trainingsorte werden danach ausgesucht, wo eine IAF-Mitgliedsorganisation besteht. Denn ein wesentlicher Inhalt des Trainings ist die Teilnahme an mindestens einer lokalen Aktion, durch die die theoretisch vermittelten Organizing-Prinzipien praktisch verdeutlicht werden. IAF ist Initiatorin vieler neuer Community Organizations. "We never go anywhere unless we are invited. Sometimes though we organize the invitation! - Wir gehen nirgendwo hin, es sei denn, wir werden eingeladen. Manchmal jedoch organisieren wir diese Einladung!" - so einer der Grundsätze der IAF, der auf dem 10-tägigen Training in Wilmington, Delaware (12.-22.3.1996), von einem nationalen Trainer proklamiert wird. Voraussetzung für den Beginn jeglicher IAF-Aktivität in einer Stadt oder Region ist also die Anfrage von lokalen Institutionen oder Einzelpersonen, die ein Interesse am Aufbau einer Community Organization in ihrer Stadt haben und bereit sind, einen Vertrag mit IAF einzugehen, der ihnen die professionelle Unterstützung eines hauptamtlichen Organizers und die Leistungen des gesamten Netzwerkes (Training, Beratung, Austausch) garantiert - der aber auch seinen Preis kostet. IHRE VISIONEN: Ganz einfach: "Make democracy work!" (IAF-Training, Wilmington/ Delaware, März 1996). Die Demokratie also arbeitsfähig und für jede/n zugänglich zu machen, sie nicht nur auf einen Wahlgang alle vier Jahre zu beschränken und ansonsten anderen zu überlassen. Nicht mehr, und nicht weniger. Keine langen Systemtheorien oder Gesellschaftsdiskussionen, und ja keine Ideologien. Dagegen ein ideologiefreier, politischer Pragmatismus, der den Problemen der Zeit flexibel die Stirn bieten kann und der es ermöglicht, je nach Problem, an jedermann's oder -frau's Seite zu kämpfen. IHRE WERTE: Kampf um soziale Gerechtigkeit, konsequentere Verwirklichung des jeweiligen Glaubens, Schaffung und Stärkung von Gemeinschaft (community), Einfordern von Beteiligung am öffentlichen Leben (participation)- und zuletzt das scheinbar Wichtigste: die Stärkung der Familien und der Organisationen, in den sich Familien traditionellerweise treffen (Kirchen, Schulen, Nachbarschaftsgruppen). Die Familien, diese mir oft zu idyllisch gepriesene "Gesellschaftsform im Kleinen", ist in der heutigen Zeit immer grösserem Druck von aussen (Politik, Wirtschaft, Medien) ausgesetzt, kann diesem oft nicht mehr standhalten und zerfällt zusehends - so die These. Der Zerfall der Familienstruktur und -kultur wird in der IAF-Literatur als einer der Hauptgründe für den desolaten gesellschaftlichen Zustand beschrieben. IHR ZIEL: Die Erlangung von Macht bzw. die Umstrukturierung bestehender Machtverhältnisse im Sinne einer demokratischeren, gerechteren Gesellschaft durch den Aufbau einer Kultur der öffentlichen Beziehungen (s.u.). Die Realisierung also eines sog. "relationalen Machtkonzeptes" (Relational Power). Dies unterscheidet sich von dem herrschenden unilateralen Machtkonzept dadurch, dass Macht dadurch entsteht, dass Menschen miteinander in Beziehung treten, sich organisieren, gleichberechtigt und v.a. sich gegenüber verantwortlich sind. IHR WEG: Im IAF-Modell führt der Weg zur Macht über die Organisierung von sog. intermediären Organisationen (Institutionen möglichst vieler Glaubensrichtungen und diversen ethnischen Hintergrundes; Gewerkschaften; Nachbarschafts- und Stadtteilgruppen; Schulen), den klassischen Institutionen also, in denen Menschen und Familien noch -wenn überhaupt- zusammenkommen, also schon organisiert sind, und die Geld haben! IHRE MITTEL:
Nun zur Praxis, die ich 1995/1996 durch meine mehrmonatige Mitarbeit in einer der IAF-Mitgliedsorganisationen in Seattle (Bundesstaat Washington), dem sog. King County Organizing Project, und der Teilnahme an einem der o.g. nationalen IAF-Trainings kennenlernte, und die ich nach einer kurzen Beschreibung der Struktur von KCOP darstellen will. Das King County Organizing Project - oder kurz: KCOPKCOP ist eine sehr junge IAF-Organisation bestehend aus derzeit 29 Mitgliedsorganisationen, v.a. Kirchen (katholische und evangelische), aber auch Lehrergewerkschaften und Stadtteilgruppen, die 1993 nach 2-jähriger Aufbauarbeit offiziell gegründet wurde. Räumlicher Fokus der Arbeit von KCOP ist das Zentrum Seattle's, dessen Südwesten und Süden und der südliche Teil des Landkreises "King County" (daher der Name), und dies deshalb, weil dies die armen bis mässig armen Stadtteile von Seattle sind. D.h. die Mitgliedsorganisationen kommen im wesentlichen aus diesen Gebieten. KCOP ist jedoch derzeit dabei, Organisationen aus den besser gestellten Stadtteilen und Teilen des Landkreises zu "werben", ausgehend von der Erkenntnis, dass es einer repräsentativeren Bevölkerungsstruktur (sprich: arm und reich, schwarz, weiss, asiatisch und mexikanisch) bedarf, um die Probleme der heutigen Zeit anzugehen. Und ausgehend von der These und mancherorts schon Erfahrung des "Quid pro Quo", d.h. der "Eine Hand wäscht die andere- Philosophie". "Wenn ihr aus'm Norden zu unserer Aktion bzgl. Mindestlohn kommt, dann bringen wir unsere Leute zu Eurer Aktion gegen den Ausbau des Flughafens!" Denn letztlich zählt die Masse! Das KCOP-Team besteht aus 2 hauptamtlichen Organizerinnen, die mit je der Hälfte der Mitgliedsorganisationen arbeiten, und einem 6-köpfigen, ehrenamtlichen Vorstandsgremium (Leadershipteam) aus den Mitgliedsorganisationen, die die tagtäglichen Geschäfte erledigen und sich alle 2 Wochen treffen. Das sog. Strategieteam, bestehend aus 2 RepräsentantInnen pro Mitgliedsorganisation, trifft sich alle 2 Monate, um die allgemeine Richtung der Organisation zu bestimmen. Das meiste Geld wird für den Vertrag mit der nationalen IAF und für sog. "Leadershiptrainings" (s.u.) ausgegeben, nicht also -wie in Deutschland- für Personalkosten der Hauptamtlichen. Da die Zahl dieser jedoch i.d.R. auf 2 begrenzt ist, sind die Löhne im Vergleich zu Community Organizations ausserhalb des IAF-Netzwerkes relativ hoch: Ein Lead Organizer verdient jährlich zwischen 50.000 und 75.000 DM! Auch die Kosten für Räumlichkeiten sind hier eher nachrangig: es gibt lediglich ein Büro, und dort spielt sich auch nur das Nötigste ab; die Hauptarbeit findet ausserhalb der Bürowände statt. Von einer gesicherten, auf Jahre festgelegten Finanzierung wie bei uns, können die OrganizerInnen hier lediglich träumen. Die Sicherung derselben Jahr um Jahr steht auf der Tagesordnung der Arbeit der Gesamtorganisation - in der Realität meist auf der der Organizer. "Ohne finanzielle Unabhängigkeit gibt es keine wirkliche politische Unabhängigkeit" (IAF, 50 Years Organizing for Change, Sapir Press, San Francisco, 1990, S. 18) - ein v.a. für bundesdeutsche Verhältnisse radikales Statement, denn wer ist in der BRD schon unabhängig von öffentlichen Mitteln, v.a. in der Sozial- bzw. Gemeinwesenarbeit? Greenpeace ist da wohl insgesamt eines der wenigen positiven Beispiele. KCOP ist eingebettet in die gesamte Struktur der IAF: sie ist eine der drei IAF-Organisationen im Nordwesten der USA, deren Organizer und Leader sich regelmässig treffen, sich austauschen, herausfordern, eine gemeinsame Strategie für die Region erarbeiten, sprich: von- und miteinander lernen. Eine weitere Einbindung besteht in den IAF-Zusammenschluss aller Organisationen an der gesamten US-Westküste, die einen nationalen Organizer als Supervisor, Berater und Trainer für die Mitgliedsorganisationen beschäftigen. Eine hochgradig durchorganisierte Struktur also, deren Ziel u.a. die Qualitätssicherung der Arbeit und die Bündelung der lokal erarbeiteten Macht ist, um diese überregional nutzbar zu machen. Im Juli diesen Jahres beispielsweise ist in Los Angeles eine Versammlung aller IAF-Organisationen der Westküste geplant, die die Eröffnungsveranstaltung für die erarbeitete Westküstenkampagne ist und zu der 10.000 Menschen organisiert werden. Und am Anfang war die Macht!"The only purpose of our organization is to amass power - but we are not interested in brute power...we are about relational power. There is a difference between strength and bullying. Power can afford to be practical, flexible, wise, patient. Power can administer justice. When you have power, you can afford to be generous. Power moves orderly; it dosn't crush. The misuse of power sets the seed of its own destruction." (Mary Beth Rogers, Cold Anger, University of North Texas Press, Denton/TX, 1990, S. 48). Das mit der Macht ist schon komisch! Keine/r ist scharf drauf - schon gar nicht im sozialen oder gar kirchlichen Bereich - und wenn doch, so wird dies jedenfalls nicht offen zugegeben. Ein harter Brocken für mich, wurde ich doch noch nie herausgefordert, mich so bewusst damit auseinanderzusetzen, ob ich Macht will und warum, und was Macht für mich heisst, wer Macht hat und weshalb. Ja, theoretisch habe ich das mit der Macht kapiert. Theoretisch weiss ich, dass Veränderungen nur erreicht werden können, wenn wir nicht nur die Macht haben, diese zu fordern, sondern auch die, sie durchzusetzen. Es bedarf der Macht, um einen Vermieter zur Rechenschaft zu ziehen und zur Veränderung zu bewegen, der das Haus, in dem 12 vorwiegend ausländische Familien leben, nicht nur verkommen lässt, sondern auch noch horrende Mieten verlangt. Von alleine kommt er nicht auf die Idee, sein Verhalten zu ändern. Und theoretisch habe ich dies auch verarbeitet in der Konzeption meiner letzten Arbeitsstelle, in der ich von Bemächtigung der StadtteilbewohnerInnen bzw. von der Erlangung von Macht geschrieben habe. Das Wort "Macht" jedoch musste ich mit dem Wort "Einfluss" ersetzen. Vorstandsbeschluss. Macht sei zu radikal! Praktisch habe ich mich allerdings äusserst selten auf der machtpolitischen Ebene bewegt - und wenn, dann nur, weil es nicht mehr anders ging. Diese Ebene war mir immer suspekt! Ich verstand deren Regeln nicht. Wollte sie auch nicht verstehen. Das waren "die da oben" in Wirtschaft, Politik und Medien. Meine Ebene waren "die da unten", der Stadtteil, die BewohnerInnen und deren Lebensalltag dort. "Die da oben haben die Macht und machen eh was sie wollen, da kommen wir sowieso nicht mit, selbst wenn wir's wollten". Zynismus und Resignation. Eine weitverbreitete Reaktion, und auch in der Sozial- und Gemeinwesenarbeit anzutreffen. Der Rückzug in's Private, in die Lebenswelt die scheinbare Lösung, der auch die Sozial- und Gemeinwesenarbeit folgt. Von der Weltverbesserung zur Lebensweltverbesserung, wie -wenn ich mich recht erinnere- Dieter Ölschlägel dieses Phänomen treffend beschrieb. Mein Problem jedoch in Deutschland ist, daß die Weltverbesserer zumeist zu verstrickt sind in ideologischen Grabenkämpfen, die uns auch nicht weiter gebracht haben. Da fehlt mir die Praktikabilität, die ich hier erfahre. Macht war mir also immer irgendwie ungeheuer, darüber spricht man nicht, und wollen tut man sie schon gar nicht, oder wenn, dann nur ein bisschen. Denn Macht ist radikal. Macht ist schlecht. Macht korrumpiert. Machtmißbrauch ist die Assoziation, die mir am schnellsten in den Sinn kommt bei diesem Wort, verbunden mit eigenen Ohn-macht-serfahrungen, eigener Macht-losigkeit:
Wie vielem hier, so wird sich auch dem Begriff Macht sehr pragmatisch genähert: "Power is the ability to act", ist also zunächst nicht mehr und nicht weniger als die Fähigkeit zu handeln! Macht kommt von machen. So betrachtet ist sie gar nicht so schlimm, die Macht - denn: wer macht nicht gerne? Mit dieser pragmatischen, dem Webster Lexikon entnommenen "Definition" bricht der Trainer im nationalen IAF-Training nicht nur einen Teil meines inneren Widerstandes. Denn: Ich jedenfalls mache sehr gerne! Der erste Schritt meiner Annäherung! Dann werden in einem zweiten Schritt die Ebenen der Macht benannt und analysiert: die institutionellen (in den Organisationen, mit denen hier gearbeitet wird, den Kirchen, Schulen, Gewerkschaften,...), die lokalen, regionalen, nationalen und internationalen. Jeder Konstituierung einer IAF-Organisation geht eine schriftliche Machtanalyse der jeweiligen Stadt oder Region voraus. KCOP's 15-seitige "Power Analysis" beschreibt die Machtverhältnisse, d.h. die politische, wirtschaftliche und soziale Situation in Seattle, die Hauptakteure und deren Machtpotential. Diese Machtanalyse ist kein einmaliger Akt, sondern zentraler Bestandteil der Arbeit an allen Themen (Issues) der Organisation. Diese Analyse ist die Voraussetzung für den Umgang mit Macht-Habenden und für ein Handeln auf diesen Ebenen der Macht: hier wird sich nicht mit dem Sozialamtsleiter gestritten, wenn die letztliche Entscheidung bei der Sozialdezernentin liegt. Es wird nicht der Pfarrer zu einem Training eingeladen, wenn der Bischoff der ist, der seinen Pfarrern die Genehmigung erteilt. Und wenn ein Gespräch mit dem Ministerpräsidenten (Governor) den Prozess der Bearbeitung eines Themas beschleunigt, so wird nicht der lange Weg durch die Verwaltung gegangen! KCOP hat nach der Entscheidung für die Arbeit mit öffentlichen Schulen im Blick auf die Organisierung der Eltern fluchs ein Gespräch mit dem Leiter der Schulverwaltung Seattle's arrangiert, und nicht erst mit irgendwelchen SchulverwaltungsmitarbeiterInnen. Da wird nicht mit kleiner Flamme gekocht. Der dritte Schritt ist die Verdeutlichung dessen, warum Macht hat, wer Macht hat. Und i.d.R. reduziert sich die Beantwortung dieser Frage auf das, was schon Alinsky proklamiert hat: Macht hat entweder, wer Geld hat, oder wer Menschen organisiert. Ich weiss, ganz so einfach ist das nicht. Aber manchmal hilft die etwas reduzierte Einfachheit, um bestimmte Sachverhalte zu verdeutlichen. Daraus folgt: da wir in den Organisationen in aller Regel nicht über das Geld verfügen, das nötig wäre, um die Macht zu erreichen, die wir für die Erlangung von Veränderungen bräuchten, müssen wir Macht durch Masse demonstrieren, d.h. Menschen organisieren. Alles ganz einfach. Und was ist mit dem Machtmißbrauch? In der Tat eine Gefahr! Deshalb brauchen wir eine andere als die bestehende Machtkultur. Eine Machtkultur, in der es nicht nur einen oder wenige, sondern viele Akteure gibt, die sich gegenseitig verantwortlich sind, zur Rechenschaft ziehen, sich gegenseitig immer wieder überprüfen. Eine sog. relationale Machtkultur, die geprägt ist von den Beziehungen der Akteure untereinander (s.u.). Und wir brauchen eine organisatorische Struktur, die diese -wenn man will- innere Kontrolle ermöglicht. Auf die wird in den IAF-Organisationen grossen Wert gelegt: jeder Leader, jede Organizerin, jeder nationale IAF-Trainer, sogar Ed Chambers (!), hat einen Mentor oder Supervisor, ist also verankert in einem Netz von unterstützenden, aber auch herausfordernden Beziehungen. Nicht nur innerhalb einer Organisation halten sich die Akteure gegenseitig verantwortlich, sondern auch zwischenorganisatorisch auf regionaler und nationaler Ebene. Und diese Struktur ermöglicht nicht nur die gegenseitige Kontrolle, sondern entscheidend auch die Qualitätssicherung der Arbeit. Ein faszinierendes Konzept, die Ebene "der da unten", die Beziehungsebene, mit der machtpolitischen Ebene von "denen da oben" systematisch, strategisch und zielorientiert zu verbinden. Und: sehr pragmatisch obendrein. Da wird -wie gesagt- nicht in langen Diskussionen versumpft. Für mich eine vorstellbare, wenn nicht gar nötige Weiterentwicklung zumindest meiner zukünftigen Arbeit, wenn nicht gar der bundesdeutschen Stadtteilarbeit insgesamt, da die Stadtteilebene für die Erreichung wirklicher und nachhaltiger Veränderungen nicht ausreicht. Macht ist ein realer Faktor, wenn nicht der zentrale Faktor in der Welt, wie sie sich heute darstellt. Und um diesen kann ich mich, will ich durch meine Arbeit ernsthaft und nachhaltig soziale Veränderungen herbeiführen, nicht mehr herumdrücken. Die Hoffnung auf den guten Willen der Machthabenden ist keine fundierte Basis für die Arbeit einer Organisation. Ich kann Macht nicht einfach negieren, so tun, als ob es sie nicht gäbe oder nur darauf reagieren, wenn's denn nicht anders geht. Nein: es geht um die bewußte Auseinandersetzung und einen aktiven Umgang damit. Die erste und vielleicht wichtigste Lektion des IAF-Organizing für mich. Die Kultur der Beziehungen - oder: die Politik beginnt bei den Leuten"The strongest organizations are those which have built a relational culture both inside the member units and throughout the broad-based organization." (Larry Mc Neil, The Soft Art of Organizing, 6.12.1995, S. 1) IAF-Organizing beginnt nicht mit spektakulären Aktionen, riesigen Versammlungen oder der Eröffnung irgendwelcher Räumlichkeiten - also laut. IAF-Organizing beginnt leise - mit vielen, vielen Einzelgesprächen, beginnt also bei den Leuten. Ich habe kaum einen ganzen Tag im KCOP-Büro zugebracht, hinter meinem Schreibtisch oder am Computer! Und auch meine beiden Kolleginnen waren immer unterwegs im Gespräch mit Leuten. Das Büro war lediglich "Basislager", um die Gespräche telefonisch zu vereinbaren. Warum nun sind gerade diese Einzelgespräche, die wir ja eher der sozialarbeiterischen oder therapeutischen Handwerkskiste zuordnen würden, der wesentlichste Bestandteil der Organisationen?
Die Gespräche werden i.d.R. telefonisch ausgemacht. "Hallo Frau Tennyson, mein Name ist Marion Mohrlok, ich arbeite bei KCOP und in diesem Zusammenhang mit St. Patricks Church, also ihrer Gemeinde. Ich bin grad dabei, die Gemeinde kennenzulernen, und Pfarrerin Reis hat mir empfohlen, mich mit ihnen zu unterhalten. Ich würde sie gerne kennenlernen." Beim 1. Gespräch ist der einzige Tagesordnungspunkt der, den/die jeweilige/n GesprächspartnerIn kennenzulernen, das herauszufinden, was die Organizer hier mit Self-Interest (Eigeninteresse) umschreiben. Es geht nicht so sehr darum, was jemand tut, sondern warum. Was ist die Motivation? Was waren Schlüsselerlebnisse? Woran glaubt sie? Was sind seine Wertvorstellungen? Wo sitzt der Ärger, dessen Ursprung begründet liegt in Verlust- und Trauererfahrungen, und der gesehen wird als Antriebskraft für das Handeln? Und letztlich: ist er/sie auch bereit, zu handeln? Diese Gespräche sind kein Frage-Antwort-Spiel, und die wenigsten werden diese z.T. intimen Erfahrungen teilen, wenn nicht auch ich als Organizerin bereit bin, mich, meine Geschichte, meine Erfahrungen mitzuteilen, oder -um es in der IAF-Sprache auszudrücken- wenn nicht auch ich mich "verletzlich" (vulnerable) mache. Und zu guter letzt handelt es sich bei den Individual Meetings auch nicht um Gespräche unter FreundInnen, denn es geht ganz klar um den Aufbau von formalen, öffentlichen, professionellen Beziehungen, die sich von privaten Beziehungen z.B. darin unterscheiden, dass sie nicht davon abhängig sind, ob sich die GesprächspartnerInnen leiden können, sondern dass sie sich respektieren. Allzuoft habe ich ein Gespräch danach beurteilt, ob es mir danach gut ging, ob ich gemocht wurde, ob ich den/die andere/n leiden konnte. Aber darum geht es nicht - auch wenn's schwer fällt. Ein Pastor auf dem IAF-Training erzählt mir, dass er den Organizer während des ersten Gespräches rausgeschmissen hat! Warum? Weil sie "Differenzen" miteinander hatten. Warum er dann an dem Training teilnehme? Weil der Organizer nicht locker gelassen und jeden Tag angerufen hätte - das habe ihn beeindruckt! Larry McNeil bezeichnet diese Einzelgespräche "The Soft Art of Organizing" - die leise und sanfte Seite der Organisierungskunst also (neben der lauten, "harten" und v.a. ergebnisorientierten Seite der Mitgliederwerbung, Aktionen, disziplinierten Versammlungen, der Mitgliedsbeiträge, Strategien,...), die nicht mal eben beiläufig zu bewerkstelligen ist, sondern die eingeübt und ständig reflektiert werden will. Ich begleite meine Mentorin zu ihren Gesprächen, sie kommt mit zu meinen, danach geben wir uns Rückmeldungen, tauschen wir uns aus, werten aus - was ein hohes Mass an Kritikfähigkeit erfordert. Und danach erst schreibe ich auf, was ich im Gespräch über die Person erfahren habe, fasse ich zusammen und merke viel zu oft, dass ich nicht zum Kern vorgedrungen bin. Nun ist eine Beziehung natürlich nicht schon nach einem Gespräch aufgebaut. Und nach manch' einem ersten Gespräch stellt sich vielleicht heraus, dass die jeweilige Person kein Interesse oder keine Zeit hat oder dass sie kein "Leader" (s.u.) ist bzw. kein Potential hat, eine/r zu werden. Dieses Urteil muss ich als Organizerin wenn nicht nach dem ersten Gespräch, so doch aber bald fällen. Ich muss mir relativ schnell klar werden darüber, mit wem ich arbeiten, in wen ich "investieren" will - denn die Zeit eines IAF-Organizers ist sehr knapp bemessen! Dies führt zur Notwendigkeit der Beantwortung der Frage, mit wem solche Einzelgespräche durchgeführt werden! Die Leader: Zentrale Akteure im OrganisierungsprozeßZunächst gilt grundsätzlich, dass jeder Kontakt im Rahmen des Organizing über persönliche Gespräche gesucht wird, und nicht schriftlich, über Telefonate oder grosse Versammlungen: sei es der Kontakt zur örtlichen Presse, zur örtlichen Verwaltung, Politik, Wirtschaft. Auch jegliche Art von Recherchen (Machtanalysen, Informationen zu bestimmten Themen,...) werden in der Regel über persönliche Gespräche durchgeführt, da damit immer die Chance zum Knüpfen einer Beziehung besteht, nach dem Motto: wer weiss, für was diese gut sein kann! Da IAF-Organisationen nun in der Regel nur einen hauptamtlichen Organizer (in selteneren Fällen Frauen!) -in Ausnahmefällen und maximal jedoch zwei (1 sog. Lead Organizer und 1 Organizer, der herangebildet wird)- beschäftigen, ist schon von daher klar, dass diese nicht mit jedem/jeder reden können. Deshalb umschreibe ich diese zentrale Organizing-Spezie und benutze die IAF-Definition: Leader sind Personen, die ein Netz von Beziehungen haben (manchmal wird diese anhand von Zahlen konkret festgelegt: mindestens 7!) und in der Lage sind, diese zu "produzieren", d.h. sie, wenn es ansteht, zu Aktionen, Versammlungen,... zu bringen, in denen es darum geht, "Macht durch Masse" zu demonstrieren - und darum geht es in allen IAF-Aktionen. Es sind also keine vereinzelten AktivistInnen, die für eine gute Sache kämpfen, aber keine/n hinter sich haben. Es sind auch keine Ehrenamtlichen, die etwas für andere tun. Denn die eiserne Organizing-Regel steht in jedem guten Lehrbuch und muss hier jede/r einhalten: "Never do for others what they can do for themselves. Never! Tu nie etwas für andere, was diese selbst tun können! Niemals!" Es sind Personen, die - bewußt oder unbewußt - eine gehörige Portion Ärger in sich tragen, der oft begründet ist in persönlichen schmerzvollen Leiderfahrungen und der sie motiviert, zunächst für Veränderungen in ihrem Lebensumkreis/ in "ihrer Sache", einzutreten und zu kämpfen. Bis sie irgendwann bereit sind, für nicht nur sie unmittelbar betreffende Anliegen einzutreten. St. Patrick's Church ist eine katholische Kirchengemeinde in Seattle, die zu den Mitgliedsorganisationen gehörte, mit denen ich zusammenarbeitete. Dort stand ein Prozess der Reorganisierung an, da der "Hauptleader" dort die Kirchengemeinde wechselte. "Organizing is reorganizing", so ein weiteres Grundprinzip von Organizing, d.h. der Prozess des Organisierens ist nicht irgendwann beendet, er ist immer unfertig, muss manchmal umgemodelt, neu begonnen werden, da die Akteure in diesem Prozess Menschen sind mit vielerlei Bedürfnissen und in vielerlei Lebenslagen und keine Maschinen. "Reorganizing" in St. Patrick's hiess, möglichst viele Einzelgespräche durchzuführen, zunächst mit dem Ziel, ein Verständnis von den Leuten und der Kirchengemeinde zu bekommen. Letztlich war der Plan für diese Gemeinde, ein Team von Leadern herauszufinden, um mit diesen ein Training durchzuführen. In einer Kirchengemeinde ist der erste Schritt nun relativ klar: der Gang zum Pfarrer, in diesem Fall eine Frau, die als Theologin Leiterin der (katholischen!!) Gemeinde war. In meinem ersten Gespräch mit ihr war relativ schnell klar, daß sie über beide Ohren mit Arbeit zugepackt ist, und sie deshalb die KCOP-Arbeit zwar ideell unterstützte, sich aber nicht persönlich engagieren wollte. Sie gab mir aber die "Erlaubnis" für meine Arbeit mit der Gemeinde und die Namen einiger Gemeindemitglieder, von denen sie dachte, daß sie potentiell Interessierte sein könnten. So rief ich diese an, und verwies als Referenz immer auf die Pfarrerin. In den Einzelgesprächen war jeweils eine Frage auch, ob sie noch andere Gemeindemitglieder wüssten, mit denen ich reden sollte. Von den insgesamt 30 Leuten, mit denen ich mich getroffen habe, waren es dann 15, die ich als potentielle Leader einstufte und 10, die dann tatsächlich zum Training kamen. Realistisch ist, dass davon vielleicht 5 weitermachen, d.h. dass sie im folgenden Prozess die sind, die Einzelgespräche durchführen, ihr Netz von Beziehungen also aufbauen bzw. vertiefen, zu Strategieteamtreffen kommen und einen aktiven Part bei Aktionen übernehmen. 5 allerdings, die dann mindestens 45 andere hinter sich haben müssen! Zu der Pfarrerin hielt ich während des gesamten Prozesses Kontakt und liess sie meine Analyse der Gespräche wissen. Auch stellte ich diese in einer Kirchengemeinderatssitzung zusammen mit einer Frau, mit der ich zuvor ein Gespräch geführt hatte, einer potentiellen Leaderin also, vor. Und: die Pfarrerin kam denn auch zum Training! Oft sind die Leader in den IAF-Organisationen Personen des kirchlichen Lebens, meist PfarrerInnen. Aber nicht nur. Die KCOP-Leader sind auch "ganz normale Leute": eine junge Lehrerin, eine ältere Nonne, eine Hausfrau aus Kolumbien, ein phillipinischer Grundstücksmakler, eine Verkäuferin. "Wir glauben, daß die meisten Leader gemacht, nicht geboren werden, und daß die Mehrheit der Männer und Frauen die Fähigkeit hat, zu verstehen, zu urteilen, zuzuhören, Beziehungen aufzubauen, zu reden, zu konfrontieren und zu überzeugen. In unseren Kirchengemeinden und unseren Nachbarschaften, unseren sozialen Wohnungsbauprojekten und in den Barrios finden wir ein grosses Potential an fähigen Menschen. Sie sind oft nicht geschult und nicht gelehrt. Sie werden von fast allen ignoriert...aber sie haben bewiesen, dass sie fähig sind zu wachsen, wenn in sie investiert wird. Das Herz unseres Organizing ist das Finden talentierter potentieller Führungspersönlichkeiten, deren Einladung zu Schulungen und zu einem Beziehungsaufbau, und deren Befähigung, zu entscheiden, ob sie sich entwickeln wollen, wo, wann und wie schnell." (IAF, 50 Years Organizing for Change, Sapir Press, San Francisco, 1990, S. 17/18). Diese Leader sind es dann, die die IAF-Organisationen leiten - zumindest nach aussen hin. Die Leader leiten, nachdem sie von den OrganizerInnen geschult und "getestet" wurden. Die Leader pflegen ihr Netz von Beziehungen, bauen neue Beziehungen in ihren Organisationen auf, stehen bei Aktionen im Vordergrund, sitzen auf dem Podium, verhandeln mit VertreterInnen der Politik, der Polizei, der Presse oder wem auch immer. Die Organizer agieren hinter der Bühne - wenn der "Vorhang" noch zu ist schreiben sie das Drehbuch, bereiten Versammlungen, Aktionen vor, proben mit den Leader in Rollenspielen die "Stücke" und wenn der Vorhang wieder fällt werten sie aus, kritisieren sie, bereiten nach und leiten die weiteren Schritte ein... bis zur nächsten öffentlichen Vorstellung. Während der Vorstellung fällt ihnen lediglich die Soufflage zu - aber nur wenn's denn sein muss. In gewisser Hinsicht sind die Organizer zunächst die Regisseure, die Leader die Akteure. Die Bühne ist das inszenierte öffentliche Leben. Eine IAF-Aktion: Die Inszenierung öffentlichen LebensWilmington/ Delaware, 19. März 1996, 7:00 pm. Zurück zum Ort des Geschehens. Reverend Wein fährt fort in der Tagesordnung -es ist jetzt 7:33 pm- und erklärt, wer und was WIN ist. 7:38 pm: sog. "Member Rounds", Teil 1 der Rechenschaftsprozedur. D.h. VertreterInnen der 16 WIN-Mitgliedsorganisationen treten an's Mikrofon, erklären öffentlich, wieviel Leute ihrer Organisation sie zur heutigen Aktion mitbringen wollten und wieviel tatsächlich erschienen sind! Wow! 7:50 pm, der Höhepunkt der Aktion: "Public Business, Part I: Public Safety Campaign"! Ein Geschäftsmann und ein Bewohner eines Stadtteils, beide Mitglieder von WIN-Mitgliegsorganisationen, erzählen ihre Geschichten zum Thema öffentliche Un-sicherheit - in einem Fall war die Polizei zur Stelle, im anderen nicht. Ein gutes dramaturgisches Element und eine weitere Situation, in der bewusst neue Leader auf der öffentlichen Bühne "getestet" wurden. Dies aber nicht unvorbereitet. Denn: die gesamte Aktion wurde am Vortag zweimal geprobt, wie es sich für ein gutes Schauspiel gehört! Jede/r hatte sein/ ihr Skript, haarklein - es konnte also nicht allzu viel passieren, und wenn doch, waren die erfahreneren Leader zur Stelle. Nun, um 7:56 pm, der 5-minütige Auftritt des Polizeichefs und des Bürgermeisters. Aber: jeder einzeln. Zunächst der Polizeichef. Mrs. Scott, eine erfahrenere Leaderin, stellt ihm 3 Fragen, die sich alle auf o.g. Forderungen bezogen. Einschub: Eine wichtige strategische Organizing-Regel lautet: "There are no permanent enemies and no permanent friends". D.h. es gibt keine permanenten GegnerInnen, aber auch keine permanenten FreundInnen, wie dies Beispiel beweist. Mr. Sills war in der einen Sache eindeutig ein Partner, und dafür bekam er auch Anerkennung. Dies schützt ihn aber nicht davor, in weiteren Bereichen herausgefordert und angefragt zu werden, Stellung zu beziehen. Und Mr. Pratcher, der sich bisher eher noch auf der "Gegnerseite" aufhält, wird genauso gewürdigt, wenn er tut, was er versprochen hat! Beide Herren stimmten zu, die gerade getroffenen Vereinbarungen in einem sog. "Public Agreement", in einer öffentlichen Vereinbarung also, mit ihrer Unterschrift vor Ort zu besiegeln. Und beide haben wahrscheinlich eine Ahnung, was es heisst, nicht Wort zu halten. Wenn diese Organisation es v.a. in Wilmington, einer noch sehr segregierten Stadt, schafft, so viele untschiedliche Leute, dazu noch aus so unterschiedlichen Kirchengemeinden zusammenzubringen und eine solche Veranstaltung auf die Beine zu stellen, dann...! Der Abschluss dieses Aktes: ein weiteres Zeugnis von Mrs. Samantha, einer betroffenen alleinerziehenden Mutter eines 4. Stadtteiles, die desöfteren Opfer von Einbrüchen und deshalb Opfer von Polizeiwillkür war - ein strategisch bewusst geplanter Hinweis darauf, dass das Thema mit dieser Aktion noch lange nicht abgehandelt ist. Stichwort "Risiko": Mrs. Samantha stand zum ersten Mal im öffentlichen Rampenlicht. Und dies fällt ihr nicht leicht, obwohl der Organizer vorher mit ihr gearbeitet und sie ihre kleine Rede einstudiert hat. Denn: sie macht sich und ihr Problem in einer äusserst heiklen Sache öffentlich. Wer weiss, wie die Polizei künftig reagieren wird, wenn sie sie braucht? Wer weiss, was die NachbarInnen sagen? Sie ist mit diesem öffentlichen Auftritt ein Risiko eingegangen, dessen Ausgang unklar ist. Aber sie hat auch etwas gelernt: sie hat Unterstützung erfahren von einer gesamten Organisation, und wird diese auch weiterhin erfahren; sie hat Vertrauen in sich gewonnen, indem sie in dieser grossen Öffentlichkeit geredet und erfahren hat, dass sie das kann. Sie ist gewachsen, indem sie etwas riskiert hat. Dies ist ein wichtiges Element in der IAF-Arbeit, sowohl in der Arbeit mit Organizern als auch mit Leadern: jede/r wird dazu angehalten (die OrganizerInnen von ihren jeweiligen MentorInnen; die Leader von ihren OrganizerInnen), manchmal auch gepuscht, etwas zu riskieren, d.h. sich in Situationen zu begeben, die neu sind, sich ausserhalb der jeweils eigenen Komfortzone zu bewegen, die jeweils eigenen Grenzen zu erfahren. Dies alles aber in der Freiheit, Fehler machen zu dürfen und mit der Gewissheit, dadurch zu wachsen. Public Business, Teil II: Dies ist der Startschuss einer weiteren Kampagne von WIN, nämlich der Initiierung der Arbeit mit Jugendlichen, da v.a. die Quote der SchulabbrecherInnen, der minderjährigen alleinerziehenden Mütter und der Jugendgewalt als ein weiteres Problem identifiziert wurde. Um 8:20 pm fasst Reverend Krehbiel nochmal das Geschehene zusammen und weisst auf verschiedene Bereiche hin, in denen Interessierte mitmachen können. Um 8:29 pm das Schlussgebet einer Pastorin. Das für 8:27 pm geplante Abschlusslied muss ausfallen. Denn pünktlich um 8:30 pm fällt der Vorhang - wie geplant. Das Publikum geht - wahrscheinlich genauso beeindruckt wie ich von dieser Inszenierung, von dessen Struktur, Kürze, Prägnanz, Vielfalt der Aktionen und dem Mut der Akteure, den öffentlichen Vertretern so klar gegenüberzustehen. Dies war jedenfalls keine der langweiligen Podiumsdiskussionen, Informationsveranstaltungen oder Vortragsreihen, die ich schon so oft durchgehalten habe - dies war eine lebendige Aktion mit Showeinlagen, dramaturgischen Momenten und einer enormen Spannung. Das Urteil "typisch amerikanisch" muss sich diese Aktion, ja: diese Show, jedoch v.a. im Vergleich zu unserer bundesdeutschen, sehr trockenen Diskussions- und Tiefenkultur gefallen lassen. Aber: Na und? Ein bisschen Pfeffer unter'm Hintern und Pep bei unserer Arbeit stünde uns auch nicht schlecht! Jeder Aktion folgt eine EvaluationFür die Akteure, die Leader und den Organizer, ist der Abend jedoch noch nicht vorbei! Denn genauso sorgfältig, wie die Aktion in wochen- vielleicht monatelanger Arbeit vorbereitet wurde, genauso sorgfältig wird sie auch ausgewertet in einer 15-minütigen Evaluation direkt nach der Aktion, der eine ausführlichere etwa 1-2 Wochen danach folgt. Und dieses Prinzip der Auswertung ist Bestandteil jeglicher öffentlicher Handlung im Organisierungsprozeß: nicht nur solch spektakuläre Aktionen wie diese werden sorgfältig vorbereitet und ausgewertet, sondern jedes öffentliche Treffen, jede Verhandlung. Genau wie die Aktion, so ist nun auch die Evaluation strukturiert: der erste Teil ist den Gefühlen gewidmet. "How do you feel about the action?" Wenn die Aktion keinen gefühlsmässigen Eindruck hinterlassen hat, war sie schlecht - denn die Gefühle bleiben hängen, mehr als die Ergebnisse. Aber in diesem Fall hat sie! Alle fühlen sich gut, v.a. ob des unerwartet großen Publikums, die Aktion habe Spaß gemacht, war spannungsgeladen; jede/r habe seinen/ ihren Part gekonnt gespielt. V.a. die persönlichen Geschichten einzelner Betroffener wurden als sehr gut bewertet. Die Auswahl eines Liedes stösst auf Kritik, es sei zu nationalistisch und schliesse v.a. die schwarze Bevölkerung aus. Der Zeitplan wurde nicht ganz eingehalten - dies wird nicht überbewertet, aber registriert! Und: in Zukunft ist es deshalb besser, nicht jede Minute in den Programmablauf zu schreiben; dies führe beim Publikum nur zu Irritationen. Es reicht, wenn die Akteure einen genauen Zeitplan haben. Nach 15 Minuten ist diese Auswertung vorbei, die in aller Regel auch vom Organizer dazu benutzt wird, eines der Organizing-Prinzipien zu lehren! "The evaluation is a good teaching moment". Erst jetzt ist der Abend für alle beendet. Dies war eine der beiden Aktionen, die ich im Rahmen des nationalen IAF-Trainings in Wilmington mitbekommen habe, und die auch wir in den Trainingseinheiten noch einmal haarklein ausgewertet und -unter Anwesenheit des Organizers und der zentralen WIN-Leader (!)- mit Noten bewertet haben. Eine enorme Lernerfahrung, die Offenheit und eine überaus grosse Kritikbereitschaft voraussetzt. Beide Aktionen liefen nach demselben Muster ab, beide Male war es eine sehr gute Inszenierung, eine effektvolle Demonstration von Macht, die nicht nur theoretisch immer und immer wieder proklamiert, sondern die auch praktisch realisiert wird. "Durch eine Aktion erst kommen Entscheidungsträger in direkten Kontakt mit den Leuten, auf die sich deren Macht auswirkt. Erst durch diesen Druck und diese direkte Konfrontation können signifikante soziale Veränderungen erreicht werden." (IAF, 50 Years Organizing for Change, Sapir Press, San Francisco, 1990, S. 29). Der Aktionskreislauf oder: Die IAF-LiturgieAktionen sind "der Sauerstoff für eine jede Organisation" (IAF, 50 Years Organizing for Change, Sapir Press, San Francisco, 1990, S.29) und von daher unerlässlich für den Organisierungsprozess. Ja -um in dem Bild zu bleiben- tödlich, wenn sie fehlen. Nun stehen die Aktionen aber nicht für sich alleine. Der Kreislauf beginnt also mit einem Prozess des Zuhörens. Das Mittel hierzu sind sog. "House-Meetings", d.h. Treffen von ca. 10-20 Leuten, zu denen die Leader Leute aus ihren Mitgliedsorganisationen einladen. Neben den Einzelgesprächen ist dies ein zweites Ritual, das in der Regel 1x jährlich organisiert und praktiziert wird. Ziel ist es hier mehr als in den Individual Meetings, die konkreten Themen herauszuarbeiten, die die Leute betreffen. Es geht aber auch, wie in dem gesamten Organisierungsprozess um den Aufbau oder die Vertiefung von Beziehungen und letztlich wird dies als Möglichkeit gesehen, neue Leader herauszufinden. Diese Form der Themenfindung unterscheidet sich also von der zumindest mir geläufigeren Organizing-Methode des "Door-knocking", d.h. des Gehens von Haustür zu Haustür und des Abfragens von Themen vor Ort. Vorteile dieser House-Meetings bestehen darin, dass dies wieder eine Möglichkeit ist, in der Menschen in Kontakt kommen und Beziehungen entstehen bzw. vertieft werden können, und dass dies nicht so zeitintensiv ist wie das Door-knocking. Zwei Fragen stehen bei den House-Meetings im Vordergrund: Was ist das Problem/Thema, das Ihre Familie am dringlichsten betrifft? Und was das Ihrer Organisation? Ziel der gemeinsamen Auswertung, nachdem alle Treffen stattgefunden haben, ist die Identifizierung des am meist genannten Themas - 2. Schritt im Aktionskreislauf. Und da geht es sowohl um das Thema (oder die Themen, wie bei KCOP), das dann von allen Mitgliedsorganisationen gemeinsam bearbeitet wird, aber auch um Themen, die einzelne Organisationen betreffen und die diese dann für sich angehen. KCOP hat in den im Mai 1995 durchgeführten House-Meetings ca. 4000 Menschen erreicht und danach 2 Themen identifiziert:
Was sind unsere Stärken darin? Können wir dadurch als Organisation wachsen? Dieser Teil wird sehr ernst genommen. Informationen zum Thema werden in der Regel über persönliche Gespräche gesammelt. Dabei geht der Organizer niemals alleine zu einem solchen. Es ist mindestens ein Leader mit dabei, der/die einen Part übernimmt, wenn nicht das ganze Gespräch leitet. Und am Ende dieses Prozessteiles dann die Frage: Sollen wir uns dieses Themas annehmen und wie? Was sind unsere Ziele? Was ist unsere Strategie? KCOP, d.h. die Leader und die Organizer, haben sich erstaunlicherweise zur Bearbeitung beider Themen entschlossen: im Oktober 1995 wurden sie mit einer spektakulären "Kick off-Aktion" und der klaren Benennung des Kampagnenamens und deren Zielen unter Dabeisein von "nur" ca. 500 Menschen und dem Governor von Washington offiziell angekündigt! Dies ist also der 4. Teil des Aktionskreislaufes ("Briefing"): die öffentliche Rückmeldung der Ergebnisse der House-Meetings und der Nachforschungen v.a. an die TeilnehmerInnen der House-Meetings aber auch an die allgemeine Öffentlichkeit. Die Ziele von KCOP:
Der Kreislauf schliesst sich mit der Auswertung der Aktionen - und kann nun von neuem beginnen. Organizing ist nie fertig. "Organizing is reorganizing"! - immer und immer wieder und mit z.T. rasantem Tempo. Da wird nicht ewig lange geplant und diskutiert, oder werden ewig lange die Pros und Contras abgewogen. Da wird geplant und manchmal auch diskutiert, da werden Pros und Contras abgewogen, aber dann auch bald entschieden, gehandelt, ausprobiert - aktionsorientiert, strategisch und schnell. Für mich oftmals zu schnell, und oftmals so, dass keine Zeit bleibt für das Hören von Argumenten und Gegenargumenten aus den eigenen Reihen. Wenn man nicht "auf Linie schwimmt", wenn man nicht schnell und hinreichend begründen kann, womit man Schwierigkeiten hat oder was es vielleicht noch zu bedenken gäbe, hat man einen schweren Stand. So habe ich selten erlebt, dass in Versammlungen und Treffen verschiedene Sichtweisen ausgetauscht, Argumente abgewogen, oder eine Strategie gemeinsam entwickelt wurde. Dieser Prozess wäre zu langsam. Und eine Ausrede für Nicht-Handeln-Wollen! Was oftmals leider ja auch zutrifft. In der Regel werden diese Foren dazu benutzt, eine zuvor im kleinen Kreis von ein paar Leader und dem Organizer kurz diskutierte und sogleich festgelegte Strategie vorzustellen und "absegnen" zu lassen. Für mehr bleibt wegen der überaus strukturierten und sehr engen Tagesordnung und des knappen Zeitrahmens keine Zeit. Kein Treffen und keine Aktion dauert länger als 1 max. 1 1/2 Stunden! Treffen um der Treffen willen gibt es nicht. In einem KCOP-Strategieteamtreffen beispielsweise reduzierte sich die aktive Teilnahme der Anwesenden auf die Entscheidung für einen Namen für den jährlich stattfindenden Fundraising-Tanzabend! Auf der anderen Seite allerdings ist diese Herangehensweise aber eben auch erfrischend pragmatisch und erwiesenermassen effektiv. Dennoch ist mir durch die Mitarbeit bei KCOP klar geworden, dass mir persönlich eine langsamere Gangart und insgesamt ein druckfreieres Klima mehr entspricht. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob Erfolge in der öffentlichen Arena nur durch dieses Tempo und diesen Druck erzielt werden können. You can't organize, what you can't imagine! Zur Umsetzbarkeit von Organizing in der BRD"Du kannst nicht organisieren, was Du Dir nicht vorstellen kannst" - so ein weiterer Schlüsselsatz. (1) Die Auseinandersetzung mit MachtWollen wir uns nicht nur damit zufrieden geben, Impulse aus der CO zu leihen, führt kein Weg an der bewussten Auseinandersetzung mit "Macht" vorbei. Und dies setzt voraus, dass wir unsere bisherigen Arbeitsziele durchleuchten, überprüfen, in Frage stellen und gegebenenfalls verändern. Wollen wir wirklich soziale Veränderungen, Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Emanzipation der StadtteilbewohnerInnen,...? Wie wollen wir dies erreichen, wenn wir uns nicht gezielt mit den machtpolitischen Faktoren auseinandersetzen, die genau dies oftmals verhindern? Wie wollen wir das erreichen, wenn wir nicht mit am "Verhandlungstisch" sitzen? Und da werden wir nur sitzen, wenn wir "Muskeln zeigen", wenn auch wir selbst ein Machtfaktor sind, wenn auch wir Macht haben. (2) Die professionelle BeziehungsarbeitDas ist es, was Organizing für mich attraktiv macht: es ist keinesfalls nur aktionsorientierte, großpolitische Arbeit. Nein. Ohne die Menschen und ohne die Beziehung der Menschen untereinander wären die Organisationen tot, wären sie nichts anderes als eine weitere der basislosen, politischen Organisationen, von denen wir schon genügend haben. (3) Die Verknüpfung der Beziehungs- mit der machtpolitischen EbeneKönnen wir uns vorstellen, weder auf der Beziehungs-, noch auf der anderen machtpolitischen Ebene "steckenzubleiben", sondern diese konsequent zu verbinden? Trauen wir den Menschen, mit denen wir arbeiten zu, dass sie auf der machtpolitischen Ebene handeln können, dass sie beispielsweise mit der Bürgermeisterin, dem zuständigen Politiker oder der Sozialdezernentin verhandeln können? (4) Das Herausfinden und Schulen von FührungskräftenDies beginnt mit der eigenen Rollenklärung. (5) Die stadtweite bzw. regionale ArbeitDas Erreichen nachhaltiger sozialer und politischer Veränderungen setzt eine Arbeit in einem grösseren Bezugsrahmen voraus. Die anstehenden Probleme unserer Zeit werden nur in den seltensten Fällen in Stadtteilen zu lösen sein. (6) Die Organisierung von OrganisationenHier müssten wir uns von unserer monokulturellen, vereinzelten und oftmals konkurrierenden Organisationstruktur verabschieden und uns der bei uns ja viel diskutierten "Multikultur" öffnen. (7) Womit wir beim Geld wären…Wahrscheinlich ist das das grösste Hindernis unserer Vorstellungskraft! (8) Be creative!An Kreativität mangelt es nun m.E. nicht nur im Bereich "Finanzierung" - auch in der tagtäglichen Arbeit sind wir irgendwie steckengeblieben, eingeschlafen. Haben wir den Mut, die eingefahrenen Bahnen zu verlassen, mehr zu riskieren und zu konfrontieren? (9) Zu guter letzt…Können wir uns vorstellen, uns auszusetzen? Dem öffentlichen Leben, anderen Menschen und deren Kritik? You can't organize, what you can't imagine!
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