portal: gemeinwesenarbeit
| Erfahrungen mit einer Aktionsuntersuchung |
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| Marcus Köster und Meike Thebelt | |
| (12. 05. 2002) | |
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Methodische Überlegungen zu einer Erweiterung um lebensweltliche Perspektiven Inhalt:
"Mittelfeld, das liegt doch irgendwo ... beim Messegelände." Das könnte die Standardantwort eines Durchschnitthannoveraners sein, der eben nicht in Mittelfeld wohnt und wahrscheinlich wäre es auch unsere Antwort gewesen, bevor wir das in diesem Bericht dargestellte Projekt durchführten. Zunächst hielten sich bei uns Begeisterung und Interesse einerseits, Skepsis und Befürchtungen andererseits, die Waage und wir brauchten einige Bedenkzeit, bevor wir zusagten. Skepsis gab es, weil wir Vergleichbares bisher nicht gemacht hatten und wenig praktische Erfahrung mit dieser Form der Sozialen Arbeit hatten. Interesse entstand bei uns, weil wir hofften durch eine praktische Arbeit vor Ort schon im Grundstudium mehr und anderes lernen zu können, als durch Studieren in Büchern und Besuche von Seminaren.
Mittelfeld ist ein Stadtteil im Südosten Hannovers. Der Stadtteil wird im Norden begrenzt von einer Stadtbahnlinie, im Osten vom Messeschnellweg, im Süden durch das Messegelände und im Westen durch eine ICE-Trasse. Die Verbindungen zu den benachbarten Stadtteilen sind mit längeren Wegen oder Barrieren verbunden. Man kann sagen, der Stadtteil ist weitgehend abgegrenzt.
Der 4-stöckige Wohnkomplex mit 60 Wohnungen liegt am Rande einer Kleingartensiedlung, hinter der die ICE-Trasse verläuft. Das Gebäude hat sechs getrennte Hauseingänge und jeweils eigene Treppenhäuser. Das Wohngebäude wurde in den 50er Jahren erbaut und hat pro Etage ca. zwei bis drei kleine 1- bis 3-Zimmerwohnungen. Das Wohngebäude ist halbrund erbaut, so dass ein gemeinsamer Hof entsteht, der als Parkplatz und Spielplatz genutzt wird. Die meisten Mieter sind ältere BewohnerInnen über 60 Jahre, die schon lange dort leben und BewohnerInnen aus dem osteuropäischen Staaten, die erst seit kurzer Zeit zugezogen sind.
Es gab vier Ziele, die durch die Aktionsbefragung erreicht werden sollten:
Das Vorgehen wurde angelehnt an die im "Studienbuch Gruppen- und Gemeinwesenarbeit" (vgl. Hinte; Karas 1989, 50f.) vorgeschlagenen drei Phasen: (1) Anliegestadium und Voruntersuchung, (2) Hauptuntersuchung mit Experten- und Betroffenenbefragung und (3) Versammlung mit Gruppenbildung. In dieser Aktionsuntersuchung hatten allerdings das Anliegestadium und die Voruntersuchung bereits vorher stattgefunden. Ebenso verzichteten wir auf eine Expertenbefragung, weil die Positionen der Fachleute bereits aus Arbeitskreisen und Runden durch die Vorarbeiten zum Programm "Soziale Stadt" bekannt waren.
In einem Anschreiben stellte sich Gemeinwesenarbeit und Quartiersmanagement als Veranstalter vor und benannte das allgemeine Ziel der Bewohnerbefragung, nämlich eine Wohnumfeldverbesserung durchzuführen. Die Gespräche mit den BewohnerInnen fanden innerhalb von zwei Wochen im August 2001 an Wohnungstüren oder in Wohnungen statt. Vereinzelt ergaben sich auch Gruppengespräche mit zwei oder mehreren MieterInnen im Treppenhaus. Von den 60 Wohnungen waren 56 bewohnt. 36 Mietparteien (64,3%) nahmen aktiv an der Befragung teil, zwölf konnten nicht erreicht werden. Fünf Mietparteien benannten deutlich kein Interesse an einer Beteiligung (8,9%), zwei Mietparteien waren zur Zeit der Befragung verreist. Für die spätere Auswertung wurden die Aussagen während des Gesprächs schriftlich notiert, ausgewählte Strukturdaten und ergänzende Notizen wurden im Anschluss daran festgehalten. BewohnerInnen die nicht erreicht wurden, erhielten die Gelegenheit, einen gesonderten Termin zu vereinbaren und wir versuchten wiederholt sie zu erreichen. Der Schluss des Gesprächs bildete regelmäßig eine Einladung zu der Bewohnerversammlung. Dort wurden etwa 2 Wochen später die zusammengefassten Aussagen der BewohnerInnen (Überseinstimmung oder Gegensatz) ohne Interpretation vorgestellt, über gemeinsame Veränderungsideen diskutiert und erste Aktivitäten dazu geplant.
Aussagen zur Wohnung:
Aussagen zum Haus:
Aussagen zum Wohnumfeld:
Aussagen zum Stadtteil:
Im Verlauf der BewohnerInnenbefragung bestätigte sich, dass es notwendig war, vor Beginn der Hauptuntersuchung möglichst detaillierte Informationen über das Gemeinwesen in Erfahrung zu bringen. Hier konnten wir auf das Vorwissen der Gemeinwesenarbeiterinnen zurückgreifen. Der Zeitbedarf der gesamten Vorplanung einschließlich der Vorinformation betrug zwar fast ein Drittel der gesamten Bearbeitungszeit. Die Beschäftigung mit dem Stadtteil hat sich im nachhinein aber als notwendig herausgestellt, d.h. wir hätten diese Vorbereitungen durchaus noch intensivieren können, um über folgende Informationen zu verfügen.
Gleich in den ersten Tagen wurde deutlich, dass es wichtig ist, die Befragungen zu unterschiedlichen Tageszeiten durchzuführen. Um berufstätige BewohnerInnen zu erreichen, sind Terminvereinbarungen am frühen Abend oder auch am Wochenende erforderlich. Auch das Wetter spielte eine Rolle, an regnerischen Tagen trafen wir weitaus mehr BewohnerInnen an, als an sommerlich warmen Tagen. Die Aktionsuntersuchung verlangte von uns in dieser Hinsicht zusätzliche Flexibilität, Spontaneität und vor allem ein hohes Maß an verfügbarer Zeit innerhalb der zwei Wochen. Zum Fragebogen ist anzumerken, dass die offene Fragestellung sich bewährt hat:
(-) Interne Frage: Einschätzung der Mitwirkungsbereitschaft durch das Befragerteam (Absage-Unentschieden-Zusage) Wir erlebten unterschiedliche Reaktionen bei unserem Erscheinen und aufgrund der Fragen. Einige BewohnerInnen betrachteten uns mit Skepsis und Misstrauen. Bei ihnen blieb die Tür nur einen kleinen Spalt geöffnet. In manchen Fällen konnten wir über unsere persönliche Vorstellung mit ersten Impulsen die Schwelle überwinden und durchaus weitergehende Gespräche führen, "wenn das Eis gebrochen war". Dies war um so leichter, wenn sich die Distanziertheit lediglich auf ein Thema und nicht auf unser Anliegen insgesamt bezogen. Andere waren sprachlos und erschienen scheu, "wie ein Igel im Licht" und hatten Schwierigkeiten den Fragen zu folgen und sich Dinge vorzustellen. Wieder andere hatten sich schon Gedanken gemacht und mit NachbarInnen gesprochen. Sie waren redebereit und kontaktfreudig, manche hatten sogar schon Infomaterial gesammelt. Einigen BewohnerInnen fiel es schwer, spontan auf Fragen zu antworten. Sie benötigten zur Anschauung praktische Beispiele und Anregungen oder es waren Stichworte zur Hilfe nötig, um auf unsere Fragen zu antworten. Gleichzeitig hatten viele durchaus die Erwartung: "wenn denn schon gefragt wird, dann sollen die auch mal was tun". Es gab einige Gespräche, die weniger als 10 Minuten dauerten. Es ist schwierig, sich in dieser kurzen Zeit einen umfassenden Eindruck zu verschaffen, insbesondere dann, wenn die Aktivierungsfrage nicht explizit im Gespräch angesprochen wurde. Sinnvoll erscheint uns, den Punkt "Sonstiges/Bemerkungen" in den Fragebogen aufzunehmen, um z.B. besondere Fähigkeiten und Hobbys zu vermerken. Abschließend möchten wir positiv bemerken, dass keiner der Befragten Einwände gegen das Mitschreiben der Aussagen hatte und sich diese Befürchtungen zu Beginn der Untersuchung nicht bestätigten. Wir hatten jedoch unterschätzt, wie wichtig es ist, eine gut durchdachte Liste zu führen, in der festgehalten wird, wann wir wo die BewohnerInnen befragt hatten, bzw. wenn wir sie nicht antrafen, welche Gründe dafür vorlagen (z.B. wenn Nachbarn angaben, dass die Betreffenden im Urlaub seien). Insgesamt hat die Auswertung wider Erwarten fast das Doppelte an Zeit benötigt, als die eigentliche aktive Phase der Befragung.
Oder woraus lassen sich Ergebnisse und mögliche Handlungsansätze für die Sozialarbeit im Stadtteil gewinnen? Für die BewohnerInnenversammlung, die auf gemeinschaftliches, ggf. lokalpolitisches Handeln hinführen soll, ist die Präsentation der Zusammenfassung aller Aussagen notwendig, um zu verdeutlichen, welche Themen von Bedeutung sind und wie hoch die Betroffenheit daran ist. Der Erkenntnisprozess soll in öffentlichen Diskussionen zu Situationsanalyse, Problemdefinition und Lösungssuche führen. Nach Beendigung und Auswertung der Aktionsuntersuchung hatten wir den Eindruck, dass uns das Projekt unvollständig erschien. Uns fehlten weitere Meinungen und Ansichten von Menschen, die zwar mit den BewohnerInnen in Kontakt standen, aber die Lebens- und Umweltsituation aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachteten, wie z.B. MitarbeiterInnen des Seniorenkreises, des Kindergartens oder Jugendzentrums sowie Kioskbesitzer und andere. Wir hatten zwar vorher eine Begehung des Stadtteil mit Fachleuten unternommen und Informationen erhalten. Dennoch hatten wir den Eindruck, einiges zu einseitig (nur aus der Sicht der dort lebenden BewohnerInnen) betrachtet zu haben und hätten gerne im Vorfeld oder auch im Nachhinein von Hinte/Karas erwähnten Experteninterviews gemacht. Deutlich war uns aber auch, dass wir nicht zuständig waren für die Durchführung aller Erhebungen, sondern, dass unsere Aufgabe durch eine Vereinbarung auf die BewohnerInnenbefragung und Präsentation dieser Ergebnisse begrenzt war. Wir gehen davon aus, dass die Mitarbeiterinnen der Gemeinwesenarbeit und des Quartiersmanagements regelmäßig Experteninterviews durchführen. Leider konnten wir daran nicht teilnehmen.
Wir hatten in den Gesprächen weit mehr Informationen über die Nachbarschaft in einzelnen Treppenhäusern mitbekommen, als wir in der BewohnerInnenversammlung präsentieren konnten. Unser Dozent brachte uns auf die Idee, diese Informationen als Treppenhausgespräche zusammenzufassen und damit den Lebensalltag in den Hausgemeinschaften zu dokumentieren und dann mit den BewohnerInnen der jeweiligen Hauseingänge darüber ins Gespräch zu kommen. Diese Geprächsinhalte waren allerdings weniger für die Öffentlichkeit geeignet und enthielten "Mitteilungen zwischen den Zeilen", Andeutungen von Ärgernissen oder Konfliktlinien, die Erklärung und Interpretation erforderten. Wir sind zu der Auffassung gelangt, dass Ergebnisse, die sich überwiegend über Interpretation gewinnen lassen, nicht für BewohnerInnenversammlungen geeignet sind. Allerdings brauchen auch die kleinen Sorgen und Nöte in den Treppenhausgesprächen ihren Platz, denn hier wird eine Kommunikationsebene zwischen wenigen Personen und in räumlich nahen Zusammenhang angesprochen, die sehr belastend sein kann. Das gemeinsam geteilte Treppenhaus, die Flure und die Boden- oder Kellerräume bieten zwar Anlass für Austausch, aber auch gelegentlichen Streit und erfordern Regelungen. Bei der Auswertung haben wir diese eher verschlüsselten Aussagen der BewohnerInnen gesammelt und in Treppenhausgeschichten zusammengefasst und ausgewertet. Für fast jedes Treppenhaus ließen sich typische Themen herausarbeiten, mit denen sich die dort lebenden MieterInnen beschäftigten. In unserer Untersuchung waren das:
Die Beschreibungen der Treppenhausgeschichten werfen eine lebensweltliche Sicht auf das Zusammenleben im Haus, auf Interaktionen zwischen einzelnen MieterInnen und auf das Umfeld. Diese Geschichten haben einen vertraulichen Charakter und sind nicht für die größere Öffentlichkeit bestimmt, weil dann eine Aufteilung in gute und schlechte Hausgemeinschaften erfolgen könnte. In der BewohnerInnenversammlung könnte das gemeinsame Interesse einer Wohnumfeldgestaltung aus dem Blickfeld geraten. Für die kleinräumige Nachbarschaftsarbeit, für die Entwicklung eines Mieterberatungskonzepts der Baugesellschaft oder für die Schulung in Konfliktmoderation können diese Erkenntnisse jedoch hilfreich sein. Mit den MieterInnen eines Hauseingangs kann durchaus das Thema besprochen werden und mögliche Konsequenzen abgewogen werden. Fazit: Es wäre eine Erweiterung des Aktionsuntersuchungsansatzes aus den 70er Jahren, wenn neben dem eher lokalpolitisch orientierten Ansatz auch die Lebenswelt, das kleinteilige Alltagsgeschehen Teil der Auswertung wird und in angemessener Form an die Treppenhausgemeinschaften zurückgekoppelt wird.
Anfängliche Bedenken für uns als Studierende in der Zusammenarbeit mit Profis in diesem beruflichen Tätigkeitsfeld der Gemeinwesenarbeit/ des Quartiersmanagements haben sich nicht bestätigt. Besonders in dem Punkt der Rollenfindung fühlten wir uns extrem gut vorbereitet und angeleitet. Wir sind der Meinung, das uns die Tatsache, dass wir immer genau wussten, welche Rolle wir in diesem Projekt innehatten, geholfen hat, unserer Arbeit motiviert, ernsthaft, strukturiert und auch mit Freude anzugehen. Die regelmäßigen Kontakte mit den Gemeinwesenarbeiterinnen haben uns in unserer Arbeit unterstützt. Besonders motiviert hat uns, dass die Mitarbeiterinnen kompetent, selbst motiviert und uns gegenüber offen waren. Dadurch hatten wir das Gefühl, dass auch wir offen über unsere Befürchtungen reden und Nachfragen stellen konnten. Wir wurden nicht als studentische Hilfskräfte behandelt, sondern vielmehr als Mitarbeiter und Mitarbeiterin. Wir glauben, die Chance einer Mitarbeit in der beruflichen Praxis genutzt zu haben. Ingesamt können wir ohne Übertreibung sagen, dass eine solche Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil für beide Seiten sein kann, für Studierende und PraktikerInnen lohnend ist und ein Grundstudium bereichert. Und schließlich war die Empfehlung unseres Dozenten hilfreich, dies alles einmal aufzuschreiben, ins Internet zu stellen und zuvor den Text wiederholt mit uns zu diskutieren. |